Das Glück suchen und finden

Angelina Bock erhielt im Literaturhaus den 3. Preis für ihr modernes Märchen vom Glück.
FOTO: M. EHRHARDT

Der Junge Literaturpreis SH wurde zum dritten Mal vergeben

von Jörg Meyer

Viel Glück konnte die Jury den drei Gewinnern des Jungen Literaturpreises Schleswig-Holstein 2019 wünschen. Am vom Verein der Freunde des Literaturhauses SH zum dritten Mal ausgeschriebenen Wettbewerb hatten 35 Autoren und Autorinnen zwischen 14 und 20 Jahren teilgenommen, vermehrt auch aus dem ganzen Land, worüber sich Jury-Mitglied Gisela Beissenhirtz besonders freute. Der mit insgesamt 500 Euro dotierte Wettbewerb sei nicht mehr so „Kielzentriert“ wie bisher. Auch die Qualität der eingereichten Prosatexte sei deutlich gestiegen, so dass es die Jury bei ihrer Entscheidung nicht leicht hatte. Den 1. Preis gewann Nicolas Geissler mit ‚Auch der ewige Sommer muss enden‘. In einer Art Coming-of-Age-Geschichte trifft Celeste nach längerer Zeit ihren Vater wieder, weil sie Zukunftsängste plagen. Wie ihre (getrennten) Eltern ist sie eine Vagabundin, was einerseits Freiheit, aber auch Heimatlosigkeit bedeutet. Den „himmelblauen“, hippiehaften, ja, aus ihrer Sicht reichlich „blauäugigen“ Lebensentwurf ihrer Eltern (die Mutter lebt auf einem Hausboot) hat sie einerseits übernommen, andererseits opponiert sie dagegen, weil sie sich auf der Suche nach dem eigenen Glück nirgendwo „angekommen“ fühlen kann. Die Jury lobte vor allem die „unaufgeregte“ Präzision, mit der die inneren Zustände der Protagonistin in äußeren Bildern reflektiert werden, die eben ganz und gar nicht „himmelblau“ seien. Um eine ungewöhnliche Sicht auf die „Rätselwelt“ geht es auch in ‚Der Hund, der aus dem Meer kam‘, womit Luisa Linkersdörfer den 2. Preis gewann. Jule ist Autistin, was ihre „Seltsamkeit“ zwar ihrer Umwelt erklärt, nicht aber ihr. Denn was ist schon „normal“ und was „abgerückt“? Und warum versteht sie sich mit einem zugelaufenen Hund besser als mit den Menschen und diese mit ihr? Konsequent versetzt die Autorin den Leser in die Perspektive der Ich-Erzählerin auf eine „viel zu volle“ Welt, zu deren Geheimnis vielleicht doch eher sie als die „Normalen“ einen glücklichen Zugang hat. „Es war einmal“, „eines schönen Tages“, so beginnen Märchen und spinnen sich fort. Auch das vom Glücksmacher. Angelina Bock „bedient“ das Genre und parodiert es zugleich. Was vom Klang her und in der Faktur fast aus der originalen Feder der Gebrüder Grimm stammen könnte, ist ein ganz modernes Märchen vom Glück – und seiner ewigen Flüchtigkeit. Dazu beglückwünschte sie die Jury mit dem 3. Preis. Und ein weiterer Glücksfall: Auch 2020 wird der Junge Literaturpreis SH wieder ausgeschrieben und hat sich damit verstetigt.

Buchliste Freundeskreisabend

Buchhandlung Almut Schmidt, Zum Dänischen Wohld 23, 24159 Kiel, Tel. 393300

1. Donatella Di Pietrantonio: „Arminuta“ Verlag Antje Kunstmann, 20,00€

2. Dirk Knipphals: „Der Wellenreiter“ Rowohlt Berlin, 22,00€

3. Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“ Schöffling, 22,00€

4. Maike Wetzel: „Elly“ Schöffling, 20,00

5. Golnaz Hashemzadeh Bonde: „Was bleibt von uns“ Nagel & Kimche, 20,00€

Wiker Buchhandlung, Meike Lalowski, Knorrstr. 22, 24106 Kiel, Tel. 34416

6. Kirsten Warschau: „Nebelgrab“ Piper Taschenbuch, 10,00€

7. Selma Lagerlöf: „Die Legende von der Christrose“ Grabener, 16,80€

8. Dörte Hansen: „Mittagsstunde“ Penguin Verlag, 22,00€

9. Laetitia Colombani: „Der Zopf“ S. Fischer, 20,00€

10. Wolf Haas: „Junger Mann“ Hoffmann und Campe Verlag, 22,00€

Zapata, Harald Mücke, Wilhelmplatz 6, 24116 Kiel, Tel. 93639

11. Christoph Regulski: Lieber für die Ideale erschossen werden, als für die sogenannte Ehre fallen (über den Matrosenaufstand), 6,99€

12. Fredrik Backman: Kleine Stadt der großen Träume, Fischer KRÜGER, 19,99€

13. Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten, Ullstein, 20,00€

14. Theresia Enzensberger: Blaupause, Carl Hanser, 22,00€

15. Cath Crowley: Das tiefe Blau der Worte, Carlsen, 17,99€

Freundeskreisabend 2018

Traditionell am Buß- und Bettag 2018 fand unser Freundeskreisabend mit 3 Kieler Buchhändlern statt. Herzlichen Dank an die Mitwirkenden Hauke Harder, Buchhandlung Almut Schmidt, Meike Lalowski, Wiker Buchhandlung, Herrn Harald Mücke, Zapata.

Wie in den vergangenen Jahren auch, war diesmal wieder für jeden literarischen Geschmack etwas dabei, vom ‚Kiel-Krimi‘ über den Matrosenaufstand bis zu Selma Lagerlöf wurde vieles abwechslungsreich präsentiert. Mit Witz und Charme wurden die Bücher in einer sehr kurzweiligen Weise vorgestellt. Die drei Buchhändler wirkten wie ein eingespieltes Team, das sich gegenseitig ergänzte.

Für das leibliche Wohl war wieder bestens gesorgt. In der Pause gab es ein – von Mitgliedern des Freundeskreises – erstelltes Buffet. Auf jeden Geschmack wurde eingegangen, von veganer Kost, über Mettbrote bis zum süßen Kuchen, war alles vorhanden.

Unsere Helfer waren in diesem Jahr: Gisela Beissenhirtz, Karin Bündgens, Heike Bunzen, Nana Fahl, Angelika Faust, Illa Feldmann, Ulli Gehl, Regina Gehrts, Doris Havemann, Lydia Heil, Barbara und Stephan Ratschow und Waltraut Ruppel, DANKE! Ich hoffe, ich habe keinen vergessen.

Die Aufnahmen für den Offenen Kanal übernahm freundlicherweise Alisa Woronow vom Literaturhaus, vielen Dank dafür.

Sommerlesefest am 10.8.18

Wahrscheinlich schweren Herzens wurde am Vormittag entschieden, das Fest nicht um den Pavillon oben im Alten Botanischen Garten stattfinden zu lassen, sondern wegen des erheblich kühleren und unbeständigen Wetters im Literaturhaus. Jede Entscheidung hat zwei Seiten: Einerseits brauchten wir nicht so viel hoch und runter zu schleppen, andererseits wurde es naturgemäß rappeldickevoll. Nur auf dem Rasen vor dem Haus saßen die Zuhörer locker unter dem weißen Zeltdach, später mit Decken. Mit großer Anteilnahme verfolgten alle die Gespräche und Lesungen des Abends, moderiert von Sara Dusanic: Lizzie Doron, Jörg Armbruster und Norbert Gstrein.

Der Freundeskreis war wie immer mit der Erstellung eines Büfetts sowie dem Verkauf von Getränken und Fingerfood engagiert. Es gab auch israelische Rezepte! Wir bedanken uns sehr herzlich bei Karin Bündgens für die Organisation und für die Beiträge bei Heike Bunzen, Brigitte Drews, Nana Fahl, Anne Hansen, Lydia und D. Heil, Ulla Klosa, Jutta Kürtz, Maren Nielsen, Gisbert Osmy, Marianne Recknagel, Frau Schünemann, Romy Steinriede, Mücke Voss, Ute Zopf.

 

20 Jahre Freundeskreis

Am 3. Juni 2018 feierten wir mit einem ‚Frühstück im Frühling‘ unser Jubiläum, das sich an diesem Tage jährte.  Dieses wunderbare zeitliche Zusammentreffen erfuhren wir aus dem Brief eines der Gründungsmitglieder, Frau Bärbel Reetz, der von den drei Gestalterinnen des Festes: Frau Dr. Gisela Beissenhirtz, Nana Fahl und Mücke Voss verlesen wurde. Zudem gab es ein interessantes Podiumsgespräch von Frau Dr. Gisela Beissenhirtz mit Herrn Dr. Sandfuchs, aus dem wir einiges über die vergangenen 20 Jahre hörten.   An den Wänden hingen Fotos, Texte und Grafiken, die eindrucksvoll die Arbeit des Freundeskreises belegten – zusammengestellt von Brigitte Drews, Regina Gehrts, Gisbert Osmy und Ute Zopf. Das eigentliche Frühstück wurde unter der Regie von Karin Bündgens mit Hilfe von Nana Fahl, Heike Bunzen, Regina Gehrts, Illa Feldmann, Angelika Faust und Ilona Osmy vorbereitet und war köstlich. Den festlichen Rahmen bereitete uns ein Geiger, Herr Wanger, dessen Beitrag von den drei ehemaligen Vorstandsmitgliedern, Dr. Gisela Beissenhirtz, Nana Fahl und Mücke Voss gestiftet wurde. Nils Aulike verlas zum Schluss der Veranstaltung ein literarisches Rätsel, das zum Nachdenken und zum Schmunzeln (wenn man es denn gelöst hatte) anregte.

 

 

Preisträger 2018

Carmen Mahler – 1. Preis

„Stilblüten“

Klick. Klack. Klick. Klack.
Er seufzte.
Klick. Klack. Klick.
Er ließ er den Kugelschreiber mit rhythmischem Klickern über die Schreibtischplatte wandern. Die silberne Spitze bohrte sich in das weiche Holz, wo es einen hässlichen Abdruck hinterließ, um sich gleich darauf wieder in das abgegriffene Plastikgehäuse zurückzuziehen. Klick. Klack. Wie hypnotisiert beobachtete er dieses Spiel, wieder und wieder. Bald war sein ganzer Tisch schmutzig, lediglich ein blütenweißes Blatt Papier lag unberührt vor ihm. Er seufzte abermals. Er wollte doch schreiben, ja, musste es sogar. Doch er konnte nicht.
Ein letztes Klicken verhallte im Zimmer. Er ließ den Stift leidenschaftslos auf die Tischplatte fallen, schüttelte eine verkrampfte Hand und schaute sich um. Eigentlich hätte sein Schreibzimmer so wunderbar sein können: die Werke bedeutender Vorfahren reihten sich in deckenhohen Regalen aneinander, edelstes Papier stapelte sich in den Schubladen seines antiken Schreibtischs, eine Katze schlief friedlich in ihrem Körbchen und weißgetünchte Sprossenfenster gaben den Blick auf einen prächtigen Garten frei. Inmitten dieser Idylle fühlte er sich furchtbar fehl am Platz. Denn das Wesentliche im Dasein eines Schriftstellers fehlte ihm: die Inspiration. An manchen Tagen traf sie ihn wie der Blitz, beim Frühstück, unter der Dusche, im Schlaf. Dann eilte er meist in sein Schreibzimmer und tauchte für einige Stunden in die von ihm erschaffene Welt ein. Doch heute? Er lauerte förmlich darauf von der Welle übermannt zu werden, dem vertrauten, unbestimmten Gefühl, etwas in sich zu tragen, das nur darauf wartet, endlich in Worte gefasst zu werden. Doch so sehr er auch hoffte, es geschah nichts. Die Leere, die auf dem Blatt Papier vor ihm herrschte, schien die Kontrolle über sein Innenleben übernommen zu haben. Und was brachte ihm ein vollgestopftes Bücherregal, wenn keines der Werke von ihm stammte. Er stand auf, streckte sich und stellte sich ans Fenster. Es war ein warmer Frühlingstag und die ersten Blumen reckten ihre farbenfrohen Blüten gen Himmel und bemühten sich, einen Sonnenstrahl zu erhaschen. Die Wärme, die nach dem langen Winter nun endlich im Land Einzug hielt, hauchte der Natur neues Leben ein. Einhauchen, murmelte er. „Inspirare“, auf Lateinisch. Da wusste er, dass er – in diesen Raum eingesperrt – lange auf die Inspiration warten konnte. Wenn sie nicht zum ihm kam, musste er eben zu ihr.
Der frische Duft nach Frühling stieg ihm in die Nase, kaum, dass er einen Schritt in den Garten gesetzt hatte. Die ersten Blätter, noch vom Morgentau überzogen, schimmerten in sattem Grün. Er meinte förmlich zu spüren, wie eine imaginäre Last von seinen Schultern fiel. Langsam setzte er sich in einem Liegestuhl und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Das Vogelgezwitscher um ihn herum, der beinahe kitschige Frieden, war wie Balsam für seine Seele. Es konnte nicht mehr lange dauern, dessen war er sich sicher. „Schreibst du heute denn gar nicht?“, sagte da eine Stimme neben ihm. Er öffnete erst ein, dann beide Augen, neigte den Kopf etwas nach unten und schaute geradewegs in ein ihm vertrautes Gesicht. Eine Blume reckte ihm ihren Kopf entgegen und wiederholte ihre Frage: „Musst du denn heute gar nicht schreiben?“ Es wunderte ihn nicht im Geringsten, dass eine Blume zu ihm sprach. Ganz im Gegenteil: es hätte ihn viel mehr erstaunt, wären diese wunderschönen, grazilen Geschöpfe, die sich Jahr für Jahr aus der kalten Erde an die Oberfläche kämpften, nicht in der Lage, sich auszudrücken. Die Natur kreiert nicht einfach etwas Schönes, das nutzlos ist.
„Da bist du ja“, sagte er zu dem Stiefmütterchen. „Ich hatte fast mit dir gerechnet“. Die Blume schüttelte ihr Köpfchen. „Mal wieder keine Inspiration?“, fragte sie dann. Er nickte nur. Das Stiefmütterchen runzelte ihre Blüten. „Was dir fehlt, sind die Fertigkeiten eines wahren Schriftstellers. Aber hab‘ keine Sorge, ich werde dir helfen“, sagte sie nach einer kleinen Pause. „Ich bin vielleicht nur eine langweilige Friedhofsblume, aber eines möchte ich dir mit auf den Weg geben: Gedenke deiner Wurzeln! Denn nur, wer sich seiner Vergangenheit besinnt, kann auch in der Zukunft Großes leisten!“. Er staunte nicht schlecht, als er solch weise Worte von einer Blume hörte, doch dann rief er sich in Erinnerung, dass es immer noch der Garten eines Schriftstellers – oder zumindest eines Mannes, der es gerne wäre – war, in der sie gedieh. Der Boden schien jedenfalls eine Prise künstlerischen Düngers zu enthalten.
Eine weitere Stimme erhob sich, und auch damit hatte er gerechnet. „Ich würde gerne einen Ratschlag hinzufügen“, rief die Hortensie und der Strauch raschelte. „Durchhaltevermögen ist das Zauberwort! Nimm dir ein Beispiel an mir!“ Er wusste, was die Pflanze ihm sagen wollte. Die Hortensie war ihm zwar nicht sonderlich sympathisch, doch eines musste man ihr lassen: während die meisten Blumen ihre Blüten nach wenigen Wochen verloren, so blühte die Hortensie noch im Hochsommer und erfüllte seinen Garten mit Farbe.
Plötzlich schepperte es auf der Terrasse. Der Topf mit dem Kaktus, den er erst vor kurzem erstanden hatte, bewegte sich. Dann räusperte sich eine heisere Stimme. „Ich kann mich der Hortensie nur anschließen: ein guter Schriftsteller sollte mit langen Durststrecken umgehen können!“ Die Hortensie klimperte geschmeichelt mit ihren Blättern. Er aber schaute den Kaktus verwundert an. War sein Ratschlag etwa ein versteckter Vorwurf gewesen? Er beschloss, bei elegenheit dessen Erde zu überprüfen und ihn gegebenenfalls öfter zu gießen.
Er streckte sich in seinem Liegestuhl und schaute dann vom Stiefmütterchen hinüber zur Hortensie und zum Kaktus. „Ich danke Euch für eure Hilfe, aber – mit Verlaub klingt das nicht alles etwas genügsam, nach einem guten Verlierer? Wo bleibt denn der Erfolg?“ Ein zustimmendes Gemurmel kam aus dem Boden: „Ganz richtig!“, rief dann das Schneeglöckchen. „Keine falsche Bescheidenheit: man sollte auch mal Erster werden!“, verkündete es mit seinem hellen Stimmchen. Er schmunzelte. Das zarte Pflänzchen war sein heimlicher Liebling im Garten. Die Winter konnten noch so finster und kalt sein: wenn das erste Schneeglöckchen seinen Weg aus der Erde gefunden hatte, wusste er, dass der Frühling nicht mehr fern sein konnte. Er lächelte dem Schneeglöckchen zu. Und da kam es plötzlich: dieses Kribbeln in seinen Händen.
Aufgeregt erhob er sich. „Es geht los!“, rief er glücklich, und wollte gerade ins Haus laufen, doch seine Pflanzen hielten ihn zurück. „Warte!“, rief das Stiefmütterchen. „Wir haben noch etwas für dich!“. Mit einem Mal verloren alle Blumen im Garten gleichzeitig eine ihrer bunten Blüten, sogar der Kaktus ließ einen winzigen Dorn auf den Boden fallen. Sie fügten sich zu einer duftenden Wolke zusammen und landeten in seinen Händen. „Nimm sie mit und denk an unsere Worte!“, sagte die Hortensie. Er nickte lächelnd, dann machte er sich mit seiner Sammlung an Stilblüten auf den Weg in sein Schreibzimmer.
Es war alles unverändert: der Kugelschreiber achtlos hingeworfen, das Blatt Papier unbeschrieben. Lediglich die Katze war aufgestanden und jagte im Garten Schmetterlinge. Er stellte sich in die Mitte des Raumes und drehte sich, erst langsam, dann immer schneller und schneller. Als ihm schwindelig wurde, blieb er stehen und warf er die Blüten beherzt in die Luft. Außer Atem schaute er ihnen zu, wie sie langsam herunterschwebten und auf dem Boden einen winzigen Blütenteppich bildeten.
Er ging zu seinem Schreibtisch und hatte sich kaum hingesetzt, als sie plötzlich wie eine Lawine über ihn hereinbrach: die Inspiration. Sie wollte sich endlich ihren Weg nach draußen bahnen, sich in Form von blauer Tinte an das Blatt Papier schmiegen. Er nahm den Kugelschreiber in die Hand. Klick.
Und begann zu schreiben.

Preisträger 2018

Karina Buozys – 2. Preis

Tanz mit dem Teufel

Sie tanzt. Die Musik klingt langsam an, die zarte Melodie hüpft freudig erregt, als würde sie ihrem Liebsten in die Arme springen wollen, aber sie muss sich noch etwas gedulden, bevor es so weit sein kann. Sie steht mit geschlossenen Augen in der Mitte der Bühne und wartet auf ihren Einsatz. Nach dem zwölftaktigen Vorspiel hebt sie vorsichtig und elegant die Arme, erst den rechten, dann den linken, bis sie auf Schulterhöhe sind. Sie steht in der dritten Position, linker Fuß hinten, rechter Fuß vorne, wie ein „T“ angeordnet. Sie zieht ihr rechtes Bein an ihrem linken hoch, das Knie zur Seite ausgerichtet und streckt das Bein, zieht es so weit, bis es fast an ihrem Ohr ist und geht mit dem linken auf die Spitze. Das ist ihre Anfangspose, es kommt den Zuschauern nahezu unpassend vor, wie sie sich langsam in diese Pose bringt, scheinbar weit weg von der Musik. Aber nun passt sie sich der Musik an, sie fängt an nach rechts zu laufen, sie springt hoch, sie dreht sich, sie läuft, aufgeregt wie die Musik, weil sie auf ihren Liebsten wartet. Jede ihrer Bewegungen geprägt von einer unglaublichen Anmut. Sie tanzt, wie sie es nie auch nur zu träumen gewagt hätte. Auf einer großen Bühne, mit tausenden von Zuschauern, die gebannt jedem Schritt, jeder Drehung, jedem Sprung folgen. Doch langsam verändert sich die Stimmung, die freudige Erregung in der Musik weicht einer nervösen brüchigen Unsicherheit, ihr Geliebter lässt sie wohl warten, gefolgt von dramatischen, lauten Tönen, die, wie Donner klingend, das Publikum schaudern lassen. Plötzlich wird der Tänzerin schwarz vor Augen.
Blind. Als hätte man ihr die Augen verbunden, ohne dass sie es gemerkt hat. Sie läuft zögernd durch große leere Räume, die sich fremd anfühlen. Sie spürt eine unheimliche Dunkelheit. Da… Eine Tür. Die Tänzerin läuft auf sie zu, ohne genau zu wissen, was sie erwartet, doch die Tür verschwindet. Auf der anderen Seite nimmt sie Licht wahr, es wirkt, als würden Engel nach ihr rufen. Allerdings kommt ihr das ein wenig sonderbar vor, das kann ja nicht sein, aber trotzdem versucht sie, sich in die Richtung zu bewegen. Doch etwas hält sie davon ab, hinzugehen. Sie spürt eine Berührung, obwohl doch scheinbar niemand hier ist. Zumindest dachte sie das. Sie sieht aber nichts, fühlt sich unsicher, fragt sich, wo sie hier ist, gerade noch auf der Bühne und jetzt hier im Nichts? Es ist ihr ein Rätsel, völlig unverständlich, was gerade passiert ist. Die Person, die mit ihr hier sein muss, ist wieder verschwunden und das Licht scheint ebenfalls wieder erloschen. Wo soll sie hin? Was tut sie hier?
Plötzlich sieht sie wieder, es bleibt dunkel, aber sie erkennt die Silhouetten von Türen, riesige alte Türen und Statuen von komischen Kreaturen, die sie nicht genau identifizieren kann, und eine Treppe, eine riesige, ewig lang scheinende Treppe aus dunklem Marmor, wie auch der Rest des Raums, die mit hübsch ausgeschmücktem schnörkeligem Geländer immer weiter nach oben führt, immer tiefer ins Nichts. Palastartig. Riesig. Beeindruckend. Aber düster. Eine eigenartige, unbeschreiblich schwermütige Aura nimmt den Raum ein. Es wird heller, nicht viel, gerade einmal so viel, dass die Schattenrisse deutlicher werden, sie kann fast Farben erkennen. Irgendetwas macht sie unruhig, sie hört Stimmen, Schreien. Es macht sie unruhig, aber nicht ängstlich, sie hat keine Angst. Sie ist neugierig, schaut sich den eindrucksvollen Raum genauer an. Saugt jedes Detail in sich auf. Sie bewegt sich in Richtung der Treppe, versucht hochzulaufen. Sie läuft und läuft eine Zeit lang weiter, bis sie merkt, dass sie gar nicht vorankommt. Sie läuft, mal schneller, mal langsamer, aber sie bewegt sich nur um die selben drei Stufen. Sie gibt auf, weil sie merkt, dass etwas, viel mehr jemand, sie immer wieder herunterzieht. Langsam, ganz langsam dreht sie sich um, weil sie nicht sicher ist, was sie erwartet. Sie erkennt ihn nicht, als sie sich zu ihm dreht. Denkt nach, sucht in ihrem Kopf nach Antworten, die sich nicht finden lassen. Was sie sieht, ist wunderschön. Er ist schön. Zu schön, um real zu sein. Ein Blick in seine pechschwarzen Augen reicht. Sein hartes Gesicht, die markanten Wangenknochen, volle rote Lippen. Und seine Haare… Eigentlich zu lang für ihren Geschmack, aber diese dunklen zarten Locken… Sie kann nicht glauben, dass ein Mann so schön sein kann. Sie hört leise Stimmen rufen, dass sie weglaufen soll, fliehen vor dem Teufel, solange sie noch kann, solange er sie nicht in seinen Bann gezogen hat. Sie versteht nicht, oder viel mehr, sie will nicht verstehen. Sie ist gefesselt von diesen tiefschwarzen Augen. Es fühlt sich an, als würden Jahre vergehen, die sie einfach so dasteht und sich in seinen Augen verliert. Sie vergisst zu atmen, bis ihr die Luft ausgeht. Er lacht kurz auf. Das schönste, was sie je gehört hat. Er nimmt zärtlich ihren linken Arm mit seiner linken Hand und legt ihn sich auf die Schulter, ihre rechte Hand nimmt er in seine linke und seine rechte Hand platziert er auf dem unteren Teil ihres Schulterblatts. Ehe sie sich versieht, zieht er sie mit sich, dreht sie, führt sie, tanzt mit ihr. Und sie lässt es zu, kann die Augen nicht von ihm lassen. Der Tanz ist stille Poesie. Es fühlt sich an, als hätte sie ihr Leben lang etwas verpasst, dieser Moment gibt ihr so viel mehr, als sie sich je zu wünschen gewagt hat. In diesem Augenblick fühlt sie sich verstanden, ohne auch nur ein einziges Wort gesprochen zu haben. Sie versteht nicht, warum man sie davon abhalten will. „Wenn das die Hölle ist, will ich nirgends sonst sein.“, denkt sie bei sich. Sie weiß, mit wem sie tanzt, sie wusste irgendwo tief in ihrem Innern schon die ganze Zeit, bei wem sie ist. Sie weiß es und es stört sie nicht. Sie will sich verlieren in den Hallen des Todes, will in den Armen des Teufels glücklich werden und wenn es sein muss auch sterben. Wie man so schön sagt, der Teufel kommt nicht im roten Gewand und mit spitzen Hörnern. Er erscheint uns als das, was wir uns am sehnlichsten wünschen…

Preisträger 2018

Lasse Huber-Saffer – 3 Preis

Druckausgleich

Routiniert rücke ich meinen grauen, trüben Anzug zurecht, so wie ich es immer schon getan habe. Mit eiligen Schritten verlasse ich den Wohnblock, der monotonen Gesellschaft entgegen. Alles in dieser Stadt ist in einem quadratischen Raster angelegt, immer abwechselnd Häuser aus purem Beton, dann eine rechteckige Straße mit zwei Spuren. Mich ständig rechts haltend reihe ich mich in den Menschenfluss ein, der sich vor mir ausbreitet. Gemeinsam schreiten wir alle voran, im Gleichschritt vorbei an einigen Wachen. Sie stehen dort – still in ihren weißen, schnittigen Rüstungen, der Takt unserer Fußschritte schlägt stets in ihren Herzen. Ihre Helme – schwarz verglast – stehen in absolutem Kontrast zu der sonst sehr hell gehaltenen Uniform. Im Vorbeigehen wage ich es, einen von ihnen zu betrachten. Seine schlichte, aber dennoch gefährlich aussehende Uniform ist das Bollwerk, welches die Außenwelt davon abhält, in seine Emotionen zu spähen. Noch nie habe ich gesehen, was sich hinter einem solchen Helm verbirgt, innerlich hoffe ich dennoch, dass es wenigstens ein Mensch ist.
Hastig laufe ich weiter, denn inzwischen hatte ich ein wenig den Anschluss verloren. Nun teilt sich das Meer an Personen gekonnt in zweierlei Gruppen auf: Die Einen folgen der Straße geradeaus in Richtung weiterer Betonwürfel. Diese beinhalten wohl deren Arbeitsstellen. Meine Gruppe hingegen biegt nach rechts zum Motorenwerk ab. Alle Arbeiter versammeln sich augenblicklich auf dem gigantischen quadratischen Platz. Nun, da wir alle zum Stehen gekommen sind, höre ich rein gar nichts mehr. Keinen Schritt, keine Streitigkeiten und auch kein Gerede, denn geredet wird sowieso nie. Niemand rührt sich, aber alle schauen wie jeden Morgen auf die Werksuhr.
Pünktlich als der Zeiger auf 9 Uhr vormittags schwingt, ertönt der allmorgendliche Signalton. Nach einem so langen Moment der Stille tut das Geräusch beinahe in den Ohren weh, so laut wie es an den Betonwänden widerhallt. Nun ertönt feierlich unsere Nationalhymne, die alle Arbeiter unseres Landes daran erinnern soll, weshalb sie hier sind. Nach all den Jahren der Gefangenschaft habe ich allerdings, wie viele der jungen Männer hier, keine so große Überzeugung von der Qualität unserer Gesellschaft, aber als eingeborene Mitglieder der Arbeiterschicht des Landes müssen wir, das heißt alle Männer zwischen 16 und 35 Jahren, jeden Tag aufs Neue aufstehen und das tun, was uns vorgeschrieben wird. Selbstbestimmung gibt es hier so gut wie nie, alles was ich in meinem Leben je gekannt habe und kennen werde, wurde mir in meiner Jugend von meinen Mentoren beigebracht, die einzigen Menschen außerhalb meiner Familie mit denen ich jemals reden durfte. Aber sie wirkten nur indirekte Propaganda auf mich aus, um mich loyaler und gutgläubiger zu machen. Während die meisten anderen gezwungen patriotisch ihre Hand aufs Herz legten, ließ ich meine trotzdem unten. Ich persönlich fand die Nationalhymne generell immer schon ein wenig unharmonisch. Und ich muss es ja wissen, bevor ich nämlich mit fast 16 Jahren meiner Familie entrissen wurde und zur Arbeit hierhergebracht wurde, habe ich meine Kindheit damals schon sinnvoll genutzt, und mir selber das Klavierspielen anhand eines kleinen Buches mit Grundtechniken beigebracht. Seither also liegt dieser inoffizielle Lebensratgeber, der mich stets begleitet hat, in meiner Wohnung und hilft mir in schlechten Zeiten. Dieses Buch über Musik wirkt Wunder in einem Land, in dem man nicht einmal mit fremden Leuten reden darf.
Endlich spielen die finalen Töne der Hymne. Schnell nehmen alle Arbeiter ihre Hände wieder herunter und wir schauen in Richtung der Türen des Motorenwerks. Unser Firmenchef, ein alter, aber sympathischer Mann, winkt alle Arbeiter herein. Vier Soldaten bewachen ihn derweil.
In der Fabrik gehen alle Personen sortiert an ihren immer gleichen Platz am Fließband, etwas Eintönigeres kann man sich kaum vorstellen. Meine Aufgabe ist es, seit knapp acht Jahren, in jeden der Motoren einen Öldruckausgleicher zu integrieren. Öldruckausgleicher sind wunderbare Geräte. Ihre längliche und handliche Form macht sie sehr praktisch und portabel. Wenn ich einen von ihnen in den Motor einbaue, muss ich zuerst einen langen dünnen Metallstift in ein Loch in der Hülle des Motors einführen, welches den Auslöser innerhalb des Motors mit dem Auslöser an dem Öldruckausgleicher verbindet, damit dieser korrekt funktioniert. Darauffolgend muss ich nur noch zwei Plastikschläuche anschließen und ich bin fertig. Ziemlich einfach und träge der Job, aber immerhin nicht gefährlich.
Vor einer Weile ist mir allerdings etwas sehr Interessantes aufgefallen, als ich einmal aus Versehen einen Öldruckausgleicher in der Tasche meines heruntergekommenen Anzuges liegengelassen hatte und ich diesen mit nach Hause nahm. Dort entdeckte ich, dass Öldruckausgleicher, wenn sie einfach nur so in der Hand betätigt werden, einen trockenen, trompetenartigen Ton ausstoßen. Dieses Phänomen liegt wohl daran, dass der Apparat in diesem Fall ohne Schläuche mit der Umgebungsluft statt mit Öl innerhalb des Motors pumpt. Seit dieser äußerst interessanten Entdeckung lasse ich immer wieder den einen oder anderen Öldruckausgleicher verschwinden und bringe ihn nach Hause. Maximal einen gleichzeitig, versteht sich. In meinem unbenutzten Schrank in meiner kleinen Wohnung häufen sich diese Dinger deswegen in letzter Zeit. Ich plane nämlich etwas Großes, und es ist fast vollendet. Erpicht auf das, was mich heute nach der Arbeit zuhause an Bastelei erwartet, mache ich mich an die Arbeit. Sind sie nicht wunderbar, diese kleinen Maschinchen?
Nach zehn Stunden aufwendiger Fließbandarbeit begebe ich mich zusammen mit allen anderen auf den Rückweg. Da meine Taschen voll mit geklautem Werkzeug sind, fällt es mir schwer, mit den Anderen Schritt zu halten. Als wir schließlich an den Wachsoldaten des heutigen Abends vorbeilaufen, sieht einer von ihnen mich verdächtig genau an. Ich marschiere einfach geradlinig nach Hause, wie ich es immer tue, nur lege ich dabei die Hände auf meine Taschen, damit keines meiner wertvollen Werkzeuge herausfällt. Zuhause angekommen eile ich die Treppen hinauf und beginne sofort zu schrauben. Heute werde ich endlich meinen großen Traum fertigstellen. Ein eigenes Musikinstrument. Ich bin in dem einzigen Raum angekommen, der mir Privatsphäre bietet. Einige Freudentränen entweichen meinen Augen, während ich aus einigen Metallteilen, die ich bereits vor Monaten mitgenommen habe, einen groben Rahmen für das Instrument zusammensetze. Jetzt fehlen nur noch die runden, knopfförmigen Tasten, mit denen ich die Öldruckwechsler betätige und dann sollte es funktionieren. Ich schneide nun noch einige Metallrohre zurecht, die wie kleine Orgelpfeifen den Klang erzeugen werden. Ich schließe die Augen, harre einen Moment aus und öffne sie dann wieder. Vor mir sehe ich etwas, was ich mir nie hätte vorstellen können, doch irgendwie habe ich es nun geschafft. Ich lege meine Finger auf die kalten, metallischen Tasten, die mir nun vorkommen als wären sie aus purem Gold.
Wie ein Kind, welches zum ersten Mal auf einem Klavier herumdrückt, versuche ich, auf meiner Maschine etwas Harmonisches zustande zu bringen, irgendwie mein Gelerntes anzuwenden. Ich habe es geschafft der Stille zu entfliehen.