„in Sachen Paul Valéry“

Zum Nachlesen – zum Entdecken – PAUL VALéRY

J. Schmidt-Radefeldt, langjähriges Freundeskreismitglied, nunmehr emeritiert und ‚nur noch‘ Schriftsteller, ist der letzte lebende Spezialist „in Sachen Valéry“ in deutschsprachigen Ländern. Ihm geht es darum Interesse am Werk Valérys zu wecken (13 Bände bei Fischer und Insel von ihm herausgegeben) zu wecken und er ist sicher zu Antworten bereit.

ERSCHIENENE HEFTE / NUMÉROS PARUS      –       ein Beispiel

11 – 1998 : Valéry und die deutschsprachige Welt – Valéry et le monde allemand Karl Alfred Blüher, Valéry und Kant / Olivier Bollacher, Paul Valéry und Thomas Mann. Zwei Vorkämpfer deutschfranzösischer Versöhnung und europäischer Einheit / Zwei [bisher unveröffentlichte] Briefe von Thomas Mann an Paul Valéry / Hans Holzkamp, Celan, Valéry und Niemand / Leo Adolph, Heimito von Doderer als Leser Valérys / Bibliographie zum Thema „Valéry und die deutschsprachige Welt“ / Dokumentation: Lissy Radermacher, Berliner Gespräch mit Paul Valéry [1926] / Victor Klemperer, Über Valéry [1931] / Martin Lowsky, Der poetische Orient oder Le „retour à l’état de fait“. Über Paul Valérys Vorliebe für „Tausendundeine Nacht“ / J. BobzienDeutschmann, Ein Vergleich deutscher Übertragungen von Baudelaires „Spleen“ und Valérys „Les Pas“ / Rezensionen / Bibliographie 1997- Aktuelle Informationen.

Die Übersicht über alle Hefte zu finden unter Gesamt Radefeldt – Kopie

Jürgen Schmidt-Radefeldt ist zu erreichen  unter j.schmidt-radefeldt@t-online.de, eine Telefonnummer ist durch Ute Zopf zu vermitteln, ebenso das Buch ‚Prinzipien aufgeklärter An-archie‘, das uns Herr Schmidt-Radefeldt freundlicherweise überlassen hat.

Informationen über ihn:   www.schmidt-radefeldt.de/jsr/htm

ERWERB VON EINZELHEFTEN / ACHAT DE NUMÉROS PARTICULIERS: Das Erscheinen der Reihe wurde 2019/2020 eingestellt. Restexemplare können reduziert zu 8 € plus Versandkosten bestellt werden. – Le Bulletin a été supprimé. Des exemplaires restant peuvent être commandés au prix réduit de 8 € port et emballage en sus. FORSCHUNGS- UND DOKUMENTATIONSZENTRUM PAUL VALÉRY, ROMANISCHES SEMINAR DER UNIVERSITÄT KIEL, SEKRETARIAT, LEIBNIZSTR. 10, D- 24098 KIEL. E-MAIL: dpfoertner@romanistik.uni-kiel.de

 

Deutscher Buchpreis 2020 – Annette, ein Heldinnenepos

Im Herbst haben bestimmt einige unser Mitglieder das kleine Heftchen mit den Vorstellungen der Werke der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelesen, dann kam eine Entscheidung, mit der sicher nicht viele gerechnet hatten. Dr. Wolfgang Butt hat uns eine Leseempfehlung geschickt, herzlichen Dank dafür.

 

 

Recycling eines unzeitgemäßen Genres

Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass man noch Heldenepen verfassen kann, doch Anne Weber hat mich mit Annette, ein Heldinnenepos eines Besseren belehrt. Und mehr als das: Sie hat das Genre recycelt und ihm eine Verjüngungskur verpasst, die es in sich hat; vielleicht ist es dadurch wieder zeugungsfähig geworden und kann sich fortpflanzen.

Ich lese diesen Text und reibe mir die Augen und es geht mir wie der Autorin, als sie ihrer Heldin gegenübersitzt, ihre Geschichte hört und sich fragt: „Dich gibt’s? Dich gibt es wirklich?“

Ja, ich reibe mir mehrfach die Augen bei der Lektüre dieses Textes und empfinde Dankbarkeit dafür, dass es ihn gibt, dass er geschrieben wurde und ich ihn lesen kann. Es drängt mich, eine Eloge zu verfassen, auch etwas aus der Mode Gekommenes, das man vielleicht recyceln sollte, unter Verzicht auf die Beflissenheitsfloskeln, die sich gleich aufdrängen, denen es jedoch zu widerstehen gilt. Wohlfeile Vokabeln aus landläufigen Beweihräucherungs-, Betroffenheits- und Empörungslitaneien; ich nenne nur eine pro toto: zutiefst. Man könnte im Folgenden beinahe jedes Adjektiv mit dem Adverb zutiefst versehen, dann wären wir mittendrin, doch genau das hat Anne Weber nicht verdient, keine Beweihräucherung, keinen Verweis auf Höheres und Hehres, kein salbaderndes „zutiefst“. Im Gegenteil, ein handwerklich gemeintes „gut gemacht“ ist eher angebracht.

Was ist denn gut gemacht an diesem Heldinnenepos? Anne Weber hat dem Genre eine gegenwärtige, menschliche Dimension gegeben (ob der Wechsel von männlich zu weiblich dafür mit ausschlaggebend war, lasse ich dahingestellt). Die Lebensgeschichte ihrer Heldin ist für einen schreibhungrigen Geist ein gefundenes Fressen, aber eben auch ein Fund, den man erst machen und dessen Potential man erkennen muss: Von der Jugend der heute fast hundertjährigen Annette Beaumanoir in einem kommunistischen Elternhaus in der Bretagne über ihre Beteiligung an Aktionen der Résistance gegen die deutsche Besatzung, ein anscheinend nebenbei absolviertes Medizinstudium und Berufstätigkeit als Ärztin (daneben Mutter von drei Kindern) im Marseille der frühen Nachkriegszeit, in der sie sich für den Freiheitskampf Algeriens einsetzt, dafür in Frankreich verhaftet und verurteilt wird, nach Tunesien flieht und schließlich das nahezu nicht existente algerische Gesundheitswesen unter der Regierung Ben Bella aufbaut, bis sie unter Boumedienne auch dort in Ungnade fällt und in die Schweiz flieht, wo sie als Medizinerin tätig ist, bis eine Amnestie ihr die Rückkehr nach Frankreich ermöglicht. Was für ein Leben.

Die sprachliche Form, in der dieses Leben geschildert wird, eine weitgehend alltägliche, aber rhythmisierte Prosa ohne festes Versmaß, leistet zweierlei: einerseits hebt sie das Erzählte ab vom Alltäglichen, anderseits jedoch nicht so weit, dass es unserer Wirklichkeit entschwebte. Annette und ihr Leben bleiben erdnah, greifbar. Höhere Mächte, wie sie im traditionellen Epos nicht selten die Hand mit im Spiel hatten, haben ausgedient. Was Annette und ihr Handeln antreibt, ist nichts weiter als ein simpler – und das heißt: nicht religiös oder ideologisch gestützter, sondern primär menschlicher – Sinn für Gerechtigkeit. Damit eckt man an, stört glatte Abläufe, gerät zwischen Fronten, landet auf der falschen Seite und bei falschen Freunden. Nichts davon ist der Heldin dieses Buchs erspart geblieben, und nichts davon wird um ihres Heldinnenstatus willen unter den Teppich gekehrt. Denn da ist diese nie exaltierte Erzählstimme, die bei aller Loyalität und Sympathie für die Protagonistin eine nüchterne Distanz hält, kühlen Kopf bewahrt und Fragen stellt, die ihre Berechtigung haben, auch wenn sie nicht beantwortet werden. Da ist zugleich Raum für Ironie, in alle Richtungen, und die Autorin hat offenbar gut genug recherchiert, um auch dem selbstgerechten Frankreich die ein oder andere Wahrheit ins Stammbuch zu schreiben. Nicht nur Individuen begeben sich auf Irrwege.

Ich hätte die Geschichte der Annette Beaumanoir, wäre sie als Sachbuch verfasst worden, vermutlich halb gelesen aus der Hand gelegt. Hier stattdessen, im Heldinnenepos, möchte ich die ganze Zeit dabeibleiben, nicht nur, um den Wegen und Irrwegen der Hauptperson, sondern vielmehr um den erzählerischen und sprachlichen Wegen der Autorin zu folgen, die die Gratwanderung, die ihr Experiment darstellt, mit Bravour meistert. Es ist ja nicht so, dass der Versuch, die alte Form des Epos zu recyceln, dazu noch als HeldINNenepos, nicht ebenso gut scheitern und zu einer unfreiwilligen Parodie hätte geraten können. Auf der anderen Seite des Grats wäre der Absturz in die Banalität vorstellbar gewesen.  Doch nichts dergleichen. Der Sog der ohne syntaktische Verrenkungen rhythmisch fließenden Sprache, mit der uns Anne Weber in den Bann ihrer Erzählung zieht, hält an bis zum Schluss, trotz der Nüchternheit des Tons.

Am Ende greift die Autorin, die generell eher zum understatement als zum overstatement neigt, dann doch noch in ein höheres Fach, indem sie das Leben der Annette Beaumanoir durch einen indirekten Vergleich mit Sisyphos ins Mythisch-Allgemeine hebt. Ihr Bezugspunkt freilich ist die aller Tragik abholde, dem Positiven zugewandte existentialistische Interpretation von Albert Camus, in dessen „Der Mythos des Sisyphos“ es sinngemäß heißt (Zitat Anne Weber): „Der Kampf, das / andauernde Plagen und Bemühen hin zu / großen Höhen, reicht aus, ein Menschenherz / zu füllen. Weshalb wir uns Sisyphos am besten / glücklich vorstellen.“

 

Anne Weber, Annette, ein Heldinnenepos, 208 S. Matthes & Seitz. Deutscher Buchpreis 2020

 

36 Beiträge

Der Junge Literaturpreis Schleswig-Holstein 2021 wurde am 28. Februar beendet. Es sind insgesamt gültige 36 Beiträge angekommen, aus dem ganzen Land. Die Themenbereiche sind vielfältig. Der Altersgruppe 14 – 20 Jahre gemäß beschäftigen sich viele Jugendliche mit der Suche nach Identität, oft auch in Verbindung mit psychischen Erkrankungen. Daher sind auch Suizid und Tod Gegenstand. Gefreut hat uns, dass es durchaus eine positive Sicht auf die Mitwelt gibt, auf Freundschaft und Liebe, in der genauen Beschreibung eines anderen ‚Blickes‘ auf die Welt aufgrund einer Einschränkung oder auf eine liebevolle Hinwendung zur ‚Heimat‘ im weitesten Sinne.

Die Jury wird nicht in Präsenz tagen können, aber wir werden konferieren und die fünf Juroren werden zu begründeten Entscheidungen kommen. Die drei Preisträger werden Bescheid bekommen, aber noch nicht die genaue Platzierung und die Begründung. Eine mögliche Preisverleihung ist für die letzte volle Juniwoche angedacht, denn die persönliche Lesung und Ehrung vor Publikum ist uns wichtig.

Hoffen wir auf ein feierliches Zusammensein!

Freundeskreisabend 2020 – in Coronazeiten

Liebe Freundeskreismitglieder,

Buß- und Bettag und kein Treffen des Freundeskreises zum Buchhändlerabend im Literaturhaus, wie schade. Trotzdem können wir Ihnen heute die Buchvorschläge unserer beiden Gäste präsentieren, zumindest schriftlich. Nicht nur diese beiden Buchhändlerinnen freuen sich auf Ihren Besuch oder Ihre Bestellung.
Auf dieser Website finden Sie alle unabhängigen Buchhändler*innen in Kiel und näherer Umgebung (und außerdem noch meist ausführliche Buchempfehlungen von Freundeskreismitgliedern).

Wir wünschen Ihnen und Ihren Lieben eine gute Zeit mit interessanten Büchern, bleiben Sie gesund und uns gewogen,

mit herzlichem Gruß

Ute Zopf, Karin Bündgens und Gisbert Osmy

BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM FREUNDESKREISABEND 2020
BUCHHANDLUNG JETZEK, GABRIELE KAPS

Buchhandlung Jetzek
Schönberger Straße 5-11
24148 Kiel
Tel.: 0431-729622
Email: info@buchhandlung-jetzek.de

BÉRENGÈRE COURNUT – DAS LIED DER ARKTIS
ULLSTEIN HARDCOVER 22,99 EURO
Die Autorin hat nach jahrelangen Recherchen einen ungewöhnlichen Roman über ein Inuitmädchen und das archaische Leben im ewigen Eis geschrieben. Das Mädchen wird eines Nachts von seiner Familie getrennt und muss allein mit einem Bärenfell, einer Harpune und fünf Hunden sein Überleben in der eisigen Wildnis sichern. Das Buch bringt uns die fremdartige und ursprüngliche Welt der Inuit näher, deren täglichen Kampf um Nahrung und Wärme und die reiche Welt der Mythen, Sagen und Lieder. So ist der Roman ein Buch über die Natur, die Kraft der Menschen und die Poesie.
Ein Tipp für alle anspruchsvollen Leser, die eine außergewöhnliche Geschichte lesen möchten.

ELLEN SANDBERG: DIE SCHWEIGENDE
PENGUIN VERLAG 16,00 EURO
Am Sterbebett ihres Vaters verspricht Imke, sich auf die Suche nach Peter zu machen. Allerdings haben die Töchter noch nie etwas von einem Peter gehört. Auf Nachfrage reagiert die Mutter mit der Lüge, nichts von einem Peter zu wissen. Aber Imke lässt nicht locker und so nach und nach kommt sie der Sache auf die Spur.
Der Roman ist spannend geschrieben und behandelt ein ganz dunkles Thema der Pädagogik in der Nachkriegszeit. Darüber hinaus zeichnet er aber auch das Bild einer Familie, die durch den Tod eines Elternteils ziemlich durchgerüttelt wird und in der nicht immer alle an einem Strang ziehen.

HALLGRIMUR HELGASON: 60 KILO SONNENSCHEIN
TROPEN 25,00 EURO
Erzählt wird in diesem historischen Roman, der Ende des 19. Jahrhunderts beginnt, die Geschichte von Gestur. Der Junge wächst bei verschiedenen Ziehvätern auf, unter zum größten Teil sehr ärmlichen Bedingungen. Eigentlicher Hauptdarsteller in diesem Buch ist jedoch Island. Mit dem Heranwachsen des Jungen beginnt auch langsam der Aufbruch in das moderne Island.
Der Autor schafft es mit seiner ganz besonderen bildhaften Sprache und so manchen witzigen Sprachkombinationen, dem Leser ein richtiges Vergnügen zu bereiten. In Island wurde “60 Kilo Sonnenschein” zum besten Buch des Jahres gewählt.

RICHARD WAGAMESE: DAS WEITE HERZ DES LANDES
KARL BLESSING VERLAG 22,00 EURO
Der junge Frank Starlight ist bei einem sehr liebevollen Ziehvater herangewachsen, der ihn an die indianische Kultur und Lebensweise herangeführt hat. Die Mutter ist gestorben und zu seinem Vater Eldon hatte er nur sehr sporadisch Kontakt. Eldon ist Alkoholiker, wird bald sterben und bittet seinen Sohn, ihn auf seiner letzten Reise zu begleiten. Er möchte wie seine Vorfahren wie ein indianischer Krieger bestattet werden. Frank kommt der Bitte seines Vaters nach und wir begleiten in diesem Buch die beiden auf dem Weg durch die kanadische Natur und lernen dabei vieles über die indianische Kultur.
Der Roman beschreibt auf melancholische Weise diese komplizierte Vater-Sohn-Geschichte, erzählt von vertanen Chancen und einem verpfuschten Leben.

BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM FREUNDESKREISABEND 2020
BUCHHANDLUNG IM WOHLD GMBH, STEPHANIE SCHULZ-JANDER

Buchhandlung im Wohld GmbH
Altenholzer Str. 5
24161 Altenholz
Tel.: 0431 – 300 34 885
Email: mail@buchimwohld.de

RACHEL ELLIOTT – „ BÄREN FÜTTERN VERBOTEN“
MARE VERLAG – 22 EURO
Wie eine frische Brise hat mich dieser britische Roman mitgerissen!
In einem südenglischen Seebad spielend, lässt die Autorin verschiedenste Charaktere aufeinanderprallen und entwickelt daraus eine rasant geschriebene Geschichte um Verlust, Zufall, Liebe, Trauer und Familie.
Die Autorin lässt den Protagonisten viel Raum für deren persönliche Unzulänglichkeiten, ist dabei britisch humorvoll und versöhnt somit den Leser mit den Widersprüchen des Lebens. Witzig und tröstlich, ein Buch für Liebhaber des modernen englischen Familienromans.

ANNA HOPE – „WAS WIR SIND“
HANSER VERLAG – 22 EURO
Wir begleiten in diesem schönen Roman die drei Londoner Freundinnen Hannah, Lissa und Cate. Die drei verbindet eine atemlose gemeinsame Zeit, in der sie zusammen wohnen, viel arbeiten, oft zusammen Museen oder Ausstellungen besuchen, auch mal ins Kino gehen oder große philosophische Gespräche in ihrer Küche führen. Nun sind sie Mitte 30 und jede steht an einem anderen Punkt in ihrem Leben. Und jede fragt sich: „Bin ich hier eigentlich richtig? Was ist mit meinen/unseren Träumen passiert?“
Mich hat diese Freundschaftsgeschichte von Anfang an begeistert. Die Sprache, die Emotionalität, die Verschiedenheit der Frauen – kurz: Richtig guter Lesestoff für jede Frau ab 35 Jahre.

CHARLOTTE MCCONAGHY – „ZUGVÖGEL“
S. FISCHER VERLAG – 22 EURO
Dieser Roman ist eine Art moderne, in naher Zukunft spielende Abenteuergeschichte, die sich mit der Thematik der Umweltzerstörung und dem Verlust von Lebensraum auseinandersetzt.
Franny ist Ornithologin und erforscht den Vogelzug der letzten Küstenseeschwalben. Dafür setzt sie sich über das Erlaubte hinweg, ist radikal und geht mit dem Mut der Verzweiflung viele Wagnisse ein. In kleinen Häppchen offenbart uns McConaghy die tragische Biographie Frannys und so erobert diese trotz ihrer unzugänglichen spröden Art das Herz des Lesers.
Spannend, aufwühlend und engagiert!

FABIO GEDA – „EIN SONNTAG MIT ELENA“
HANSERBLAU – 20 EURO
Er war ein gefragter Ingenieur. Baute Brücken überall in der Welt. Seine Frau und seine drei Kinder waren meist allein Zuhause. Jetzt ist er verwitwet und pensioniert. Es ist Sonntag und er hat das erste Mal für einen Teil seiner Familie gekocht. Doch die Familie schafft es nicht, zu kommen. Enttäuscht macht er einen langen Spaziergang und trifft an der Skaterbahn Elena und ihren Sohn. Zögernd, aber dann doch, gehen die drei
gemeinsam das gekochte Mittagessen verspeisen. Es entwickelt sich zwischen ihnen ein zartes Band; teilen sie doch die Sehnsucht nach Lebensfreude und Glücklich sein.
Ein wunderbares, berührendes „Wohlfühl-Buch“, das einen sehr gut durch diese „grauen Tage“ trägt!

AREZU WEITHOLZ – „BEINAHE ALASKA“
MARE VERLAG – 20 EURO
Diese knapp 200 Seiten lange Geschichte ist eine Art Reisereportage. Fein beobachtet, selbstironisch und mit spitzer Feder beschreibt Weitholz eine Expeditionskreuzfahrt Richtung Alaska, die sie im Auftrag ihres Verlages unternimmt.
In dem Buch werden bissig leicht und präzise zugleich die Themen des Tourismus, der Zerstörung von Natur, die Eroberung von Raum verhandelt, zudem ist es aber auch eine Reise der Trauerverarbeitung und Auseinandersetzung mit sich selbst. Eine kurzweilige Lektüre mit Tiefgang.

BENJAMIN MYERS – „OFFENE SEE“
DUMONT BUCHVERLAG – 20 EURO
Eines meiner Lieblingsbücher – eine feine Lektüre für Mußestunden! Myers neuer Roman führt uns in die ländliche Idylle Englands 1946. Der junge Bergarbeitersohn Robert begibt sich auf Wanderschaft, trifft bald auf die faszinierende, unkonventionelle ältere Dame Dulcie. Ihre Freundschaft verändert sowohl Roberts vorgezeichnetes Leben als auch rückwirkend Dulcies Geschichte.
Die intensiven Naturbeschreibungen und fein gezeichnete Charaktere wirken lange nach und sorgen für puren Lesegenuss. Wer „Pinnegars Garten“ mag, wird sicher auch dieses Buch lieben!

Preisträger am Literaturtelefon


Am Literaturtelefon – www.literaturtelefon-online.de  – sind die PreisträgerInnen des vom Freundeskreis des Literaturhauses Schleswig-Holstein e.V. ausgeschriebenen Jungen Literaturpreises S.-H. 2020 zu hören. Julia Riedel aus Gettorf beendet den Reigen mit ihrem Essay „Seite an Seite – Wie er sein Leben den Büchern weihte“, mit dem sie den 3. Preis gewann.

In dem Text werden Bücher – ausdrücklich die „echten“ auf Papier, weniger die zunehmend solche ablösenden eBooks – als (Aus-) Weg zur Lebensgestaltung und Entwicklung aufgezeigt. Die Jury urteilte: „Zusehends erlebt der Leser, wie man die Welt aus Büchern kennen und verstehen lernt, das Gelesene mit der Wirklichkeit vergleicht und zu einem eigenen Urteil kommen kann.“

Julia Riedel ist 18 Jahre alt und besucht zur Zeit das Regionale Berufsbildungszentrum am Königsweg in Kiel.

Die Texte aller PreisträgerInnen sind nachzulesen unter: www.flsh-kiel.de.

Foto: Privat

Literaturtelefon Kiel:
0431/901-8888
www.literaturtelefon-online.de

Kontakt:
kontakt@literaturtelefon-online.de
Jörg Meyer, Tel.: 0431/2602656, 0171/8369532

Preisträger am Literaturtelefon


Am Literaturtelefon – www.literaturtelefon-online.de –  sind die PreisträgerInnen des vom Freundeskreis des Literaturhauses Schleswig-Holstein e.V. ausgeschriebenen Jungen Literaturpreises S.-H. 2020 zu hören.

Enya Erichsen Pereira aus Glücksburg wurde der zweite Platz zuerkannt für den Text „Treffpunkt Sacre-Coeur“: „Der Autorin ist mit den Betrachtungen zu ‚Glück‘ und ‚Schicksal‘, mit dem pointierten Schluss ein humorvoller, zugleich tragischer Text gelungen, er hat märchenhafte Züge und ist spannend.

Die Texte aller PreisträgerInnen sind auch hier nachzulesen.

Foto: privat

literaturtelefon-online.de | Telefon: 0431/901-8888

Preisträger am Literaturtelefon


Am Literaturtelefon – www.literaturtelefon-online.de  – sind in den nächsten Wochen die PreisträgerInnen des vom Freundeskreis des Literaturhauses Schleswig-Holstein e.V. ausgeschriebenen Jungen Literaturpreises S.-H. 2020 zu hören.
Laurin J. Lenschow (18) aus Kronshagen gewann mit seinem Text „Wir sanieren auch Ihr Gewissen“ den 1. Preis.
Die Jury lobte den Text wie folgt: „In seiner Satire geht es um das Aufzeigen der ökonomischen Ausbeutung menschlicher Gefühle, sie kreist um die Frage der moralischen Zulässigkeit eines auf Wachstum und Gewinnmaximierung basierten wirtschaftlichen Handelns. Laurin ist der Beweis dafür, dass Beharrlichkeit ein hohes Gut ist, denn er hat häufiger teilgenommen, durchaus mit Erfolg. In diesem Jahr ist ihm nun der große Wurf gelungen.“ 2018 gewann Laurin J. Lenschow mit seiner Kurzgeschichte „Freiheit“ den 3. Preis und war damit auch am Literaturtelefon zu hören.

Laurin J. Lenschow schreibt zur Entstehung seines Textes: „Bei meiner Kurzgeschichte handelt es sich um eine Satire über die wirtschaftliche Ausbeutung menschlicher Gefühle. Die Idee dazu kam mir, als ich auf einem Auto statt des Werbetextes „Wir sanieren auch Ihr Gewässer“ „Wir sanieren auch Ihr Gewissen“ las und mich fragte: Was macht eigentlich ein Gewissens-Sanierer?“

Die Texte aller PreisträgerInnen sind auch hier nachzulesen.

Foto: privat

literaturtelefon-online.de | Telefon: 0431/901-8888

Drei Entwicklungsromane aus Umbruch- und für Krisenzeiten

Der gemeinsame Nenner von Leif Randts Allegro Pastell, Lutz Seilers Stern 111 und Uwe Timms Heißer Sommer sind drei männliche Protagonisten (Jerome, Carl und Ullrich), die an den gesellschaftlichen Nahtstellen 1968, 1989 und in einer unbestimmten Zeit kurz vor Corona erwachsen werden (können/müssen).

Alle drei Männer sind nicht die Trendsetter in einer sich schnell wandelnden Welt, eher unsichere Mitläufer, die durch die von ihnen als dramatisch empfundenen Grenzerfahrungen die Entscheidungsmöglichkeit bekommen, ihr Leben und nicht die Wunschvorstellungen anderer zu leben.

Ullrich aus Heißer Sommer wird in die gesellschaftlichen Verwerfungen der Studentenrevolte 1968 in München und Hamburg geworfen. Er erlebt einen Universitätsbetrieb in Hamburg mit dem Muff von 1000 Jahren, probiert sich in Aktionen, die in der linken Szene Anerkennung versprechen, merkt aber schließlich, dass ihm die Schablone des Ideologieträgers zu eng wird. Nach schmerzvollen Erlebnissen als Linker in einer Fabrik in Hamburg, dem Abzug einiger ‚Kampfgenossen‘ Richtung Bauernhof im damaligen Zonenrandgebiet und unerfüllten Beziehungen zu Frauen strebt er nach Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit und geht zurück nach München.

Uwe Timm zeichnet in diesem Roman ein realistisches Bild der 68-er Zeit in dem kleinen gesellschaftlichen Segment der Studentenbewegung. Der den Figuren in den Mund gelegte, nicht nur aus heutiger Sicht z.T. verwirrende politisch-bornierte Jargon (links und rechts) und die gnadenlose Direktheit der Interaktion ließen in mir Erinnerungen an meine Erfahrungen in und mit dieser Zeit lebendig werden.

Carl aus Stern 111 wird kurz nach dem Mauerfall faktisch zum Waisen, da die Eltern von Gera in den Westen flüchten. Carls ‚Flucht‘ geht nach Ostberlin, wo er durch Zufall und Not auf eine Gruppe von Hausbesetzern in Mitte stößt. Die neue ‚Familie‘, ein Kaleidoskop von herrlich skurrilen, menschlich-warmen Figuren, hat ihren Lebensmittelpunkt in der ‚Assel‘, einer (bis vor Kurzem real existierenden) Kneipe in der Oranienburgerstraße. In der Assel lassen sich die rapiden Veränderungen nach der Wende beobachten, während Carl seinen unsicheren, sehnsüchtigen Weg zum Schriftsteller kraft- und lustvoll beschreitet. Ganz anders (und für Carl lange unverständlich) seine Eltern, die erst getrennt, dann gemeinsam die typischen Flüchtlingsanpassungsprozesse in Westdeutschland durchlaufen, ehe sie nach Kalifornien auswandern, dem Ort der tief verankerten Sehnsucht nach individueller Freiheit.

Der Preis der Leipziger Buchmesse an Lutz Seiler würdigt sicher nicht nur die Coming of Age Geschichte Carls. Der Roman beleuchtet auch den Untergang der DDR und die vielen, heute z.T. enttäuschten Hoffnungen auf eine kreative Erneuerung von innen heraus.

Allegro Pastell portraitiert besonders am (nicht repräsentativen) Beispiel von Jerome (Web-Designer) und Tanja (erfolgreiche Schriftstellerin) die heute 30-35-Jährigen, die anders als die Protagonisten von Timm und Seiler keinen klar definierbaren äußeren Feind (u.a. Nazis, Springer-Presse in der Bundesrepublik, SED und Stasi in der DDR) mehr bekämpfen, sich dafür stark am medial von sich vermittelten Bild abarbeiten und als inneren Feind den gesellschaftlichen Druck zur Selbstoptimierung in Schach halten müssen. Wie in den anderen beiden Romanen bilden auch hier Love (häufig unerfüllt), Sex (eher oft erfüllt) und diverse legale und illegale Drogen (sehr oft erfüllt) die Füllmasse für variantenreiches, nicht immer planbares Zusammensein in Berlin und Frankfurt/Main.

Mich überzeugte vor allem Leif Randts Sprache. Mit Humor und Bissigkeit ermöglicht er Brechungen, in denen er einerseits sehr kenntnisreich eine gesellschaftliche Gruppe von innen heraus darstellt, sich gleichzeitig von dieser distanziert und so den Raum für (selbst-) kritische Betrachtung öffnet.

Im Kontext der derzeitigen Pandemie gehört Allegro Pastell zu den Romanen, die uns Lebensentwürfe aus einer in der dargestellten Form nun vergangenen Zeit skizzieren. Somit hat Randt unbeabsichtigt einen Vor-Wende Roman geschrieben, der dem Während-Wende Roman Heißer Sommer und Stern 111 als Nach-Wende Roman folgt.

Günther Sommerschuh

ein neues ‚Kinder’buch?

Ulrich Hub, mit Illustrationen von Jörg Mühle Erschienen bei S. Fischer Juli 2017, erstmals erschienen 2007 im Sauerländer Verlag                     An der Arche um Acht

Plitsch! Genau mitten auf die Nase! So müsste es angefangen haben. Steht da zwar nirgendwo, aber anders kann es gar nicht angefangen – und zu einer gigantischen Katastrophe geführt – haben. Die Nase gehört zu einem Pinguin. Genauer: Plitsch, plitsch, plitsch! sind es deren drei, die a), weil sie an Feuchtigkeit gewöhnt sind, die Tropfen ohnehin nicht wahrgenommen hätten, und b) sowieso überhaupt nichts wahrnehmen, was um sie geschieht, weil sie sich permanent mit sich selbst beschäftigen. Am liebsten mit Streitereien mit viel Action; um sie herum nämlich sieht man nichts weiter als eine unendliche Schneelandschaft. Da muss man schon selbst dafür sorgen, dass richtig etwas los ist!  Aber immerzu streiten ist auf die Dauer langweilig. „Wenn endlich einmal irgendetwas passieren würde!“ sinniert der kleinste von den dreien sehnsuchtsvoll. Es passiert auch umgehend etwas: Ein kleiner, gelber Schmetterling flattert um die Nasen des Trios. Das kann nicht gutgehen. Geht es auch nicht. Der Tropfen werden viele, sehr viele: Eine „richtige“ Sintflut bahnt sich an.  Es wäre eigentlich alles ganz einfach, denn Pinguine können doch schwimmen, aber das fällt ihnen erst wieder ein, als die ganze wechselvolle Geschichte vorbei ist, und so wird es kompliziert. Wegen des Schmetterlings haben sich der kleine Pinguin und die beiden anderen erst einmal gründlich verkracht. Der Lütte rennt wutentbrannt davon, als die beiden Großen anfangen, über „Gottes Strafen“ zu sinnieren, weil er sich einfach auf das hübsch gelbe Lebewesen gesetzt hat, aus Versehen, aber eigentlich hatte er ihn sowieso platt machen wollen. Warum eigentlich? Rettung und Komplikationen kommen mit der wohlbekannten Taube, die im Auftrag Noahs die beiden (beiden?) Pinguine in die Arche beordert. Natürlich geht das ganz und gar nicht ohne den Lütten! Er wird aufgespürt, die heftige Diskussion, ob schon jemand jemals diesen strafenden Gott überhaupt gesehen hat, wird erstmal nicht fortgesetzt. Mit Phantasie und Tricks kommt das Trio regelwidrig auf die Arche, wo es beinahe zu spät ankommt und daher mit einem Platz ganz unten im Bauch des Gefährts vorlieb nehmen muss. Natürlich darf der Kleine nicht entdeckt werden. Sein Redebedürfnis – und überraschendes -talent! – und sein leichtfertig störrischer Wunsch nach Käsekuchen zur unpassenden Zeit lassen den Schwindel auffliegen. Zur Katastrophe kommt es jedoch nicht mehr, denn die Arche landet. Und urplötzlich entdeckt die Taube, dass sie ein ziemliches Problem hat. Die Pinguine aber sind gewitzt und findig. Das Problem wird gelöst und Noah bleibt somit alleine auf der Arche zurück. Einige Probleme aber bleiben ungelöst. War die Sintflut ein Fehler? Hat denn jemals jemand einen strafenden Gott überhaupt gesehen? Habe ich im Text etwa etwas völlig übersehen?  Ich schlage vor, das Buch Kindern vorzulesen. Und wenn Sie an Passagen kommen, bei denen Sie kurz verstummen, das Buch sinken lassen, einen Augenblick in die Luft schauen und erst durch ein „Lies weiter!“ in die Gegenwart zurückgeholt werden, dann haben Sie vielleicht gerade ein Antwort gefunden, die Sie schon immer gesucht haben.

Edgar Fuhrken

Glück und Gewissen – Junger Literaturpreis zum vierten Mal vergeben

Platz 1 Laurin Lenschow
Platz 2 Enya Erichsen Pereira
Platz 3 Julia Riedel

Zum vierten Mal hat der Freundesverein des Literaturhauses den jungen Literaturpreis vergeben. Und auch wenn die feierliche Preisvergabe mit Lesung im Literaturhaus aus aktuellem Anlass dieses Mal ausfiel: Drei Preisträger dürfen sich über Geldpreise freuen.
Die Resonanz hat stetig zugenommen. „In diesem Jahr haben wir sogar 13 Beiträge nicht nur aus anderen Bundesländern, sondern sogar elf aus anderen Ländern bekommen“, freut sich Ute Zopf, Vorsitzende des Freundeskreises des Literaturhauses, der seit 2017 den Jungen Literaturpreis vergibt.
Junge Schreiblustige von 14 bis 20 Jahren sind da gefragt, und drei davon dürfen sich über ein kleines Preisgeld (insgesamt 500 Euro) freuen. Auch die Qualität, so Ute Zopf, sei in diesem Jahr gestiegen: „Die Texte sind gehaltvoller geworden.“
Drei Preisträger hat die fünfköpfige Jury am Ende ausgewählt – und die punkteten mit ganz unterschiedlichen Themen und Stimmlagen. Eine erstaunliche Marktlücke entdeckt der Ich-Erzähler in Laurin Lenschows Geschichte Wir sanieren auch Ihr Gewissen. Der Kronshagener Schüler, der 2018 schon auf dem dritten Platz landete und nun den ersten Preis erhielt, erzählt darin, wie sich aus schlechtem Gewissen und verpassten Entschuldigungen eine Dienstleistung machen lässt. Die Jury lobte die Satire, in der es „um das Aufzeigen der ökonomischen Ausbeutung menschlicher Gefühle“ gehe.
Von einer verlorenen Seele und einer Begegnung zwischen Leben und Tod schildert Enya Erichsen Pereira aus Glücksburg in ihrer mit dem zweiten Preis ausgezeichneten Geschichte Treffpunkt Sacré Coeur. Der Text, an dem der Jury die „Betrachtungen zu Glück und Schicksal“ ebenso gefiel wie die Mischung aus Humor und Tragik, schwebt auch sprachlich zwischen Abenteuer und Märchen, Witz und Nachdenklichkeit.
Wie Bücher und das Lesen die Welt erweitern und helfen, sie zu begreifen, das hat Julia Riedel aus Gettorf beschäftigt. Ihre Erzählung mit essayhaften Zügen Seite an Seite erhielt den dritten Preis.
Dass die Lesung im Literaturhaus wegen der Coronakrise ausfallen musste, bedauert nicht nur Ute Zopf, sondern auch die Nachwuchstalente. Nun hofft man, die Ehrung im Juni nachholen zu können. Bis dahin sind die Preisträgertexte im Netz nachzulesen.