Preisträger am Literaturtelefon 08.06.-21.06.2020


Am Literaturtelefon unter der Rufnummer 0431/901-8888 und auf www.literaturtelefon-online.de waren in den letzten Wochen die PreisträgerInnen des vom Freundeskreis des Literaturhauses Schleswig-Holstein e.V. ausgeschriebenen Jungen Literaturpreises S.-H. 2020 zu hören. Julia Riedel aus Gettorf beendet den Reigen mit ihrem Essay „Seite an Seite – Wie er sein Leben den Büchern weihte“, mit dem sie den 3. Preis gewann und der vom 8. bis zum 21.6. am Literaturtelefon zu hören ist.

In dem Text werden Bücher – ausdrücklich die „echten“ auf Papier, weniger die zunehmend solche ablösenden eBooks – als (Aus-) Weg zur Lebensgestaltung und Entwicklung aufgezeigt. Die Jury urteilte: „Zusehends erlebt der Leser, wie man die Welt aus Büchern kennen und verstehen lernt, das Gelesene mit der Wirklichkeit vergleicht und zu einem eigenen Urteil kommen kann.“

Julia Riedel ist 18 Jahre alt und besucht zur Zeit das Regionale Berufsbildungszentrum am Königsweg in Kiel.

Die Texte aller PreisträgerInnen sind nachzulesen unter: www.flsh-kiel.de.

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Preisträger am Literaturtelefon 25.05.-07.06.2020


Am Literaturtelefon unter der Rufnummer 0431/901-8888 und auf www.literaturtelefon-online.de sind in den nächsten Wochen die PreisträgerInnen des vom Freundeskreis des Literaturhauses Schleswig-Holstein e.V. ausgeschriebenen Jungen Literaturpreises S.-H. 2020 zu hören.

Enya Erichsen Pereira aus Glücksburg wurde der zweite Platz zuerkannt für den Text „Treffpunkt Sacre-Coeur“: „Der Autorin ist mit den Betrachtungen zu ‚Glück‘ und ‚Schicksal‘, mit dem pointierten Schluss ein humorvoller, zugleich tragischer Text gelungen, er hat märchenhafte Züge und ist spannend.

Die Texte aller PreisträgerInnen sind auch hier nachzulesen.

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Preisträger am Literaturtelefon 11.05.-24.05.2020


Am Literaturtelefon unter der Rufnummer 0431/901-8888 und auf www.literaturtelefon-online.de sind in den nächsten Wochen die PreisträgerInnen des vom Freundeskreis des Literaturhauses Schleswig-Holstein e.V. ausgeschriebenen Jungen Literaturpreises S.-H. 2020 zu hören.
Laurin J. Lenschow (18) aus Kronshagen gewann mit seinem Text „Wir sanieren auch Ihr Gewissen“ den 1. Preis.
Die Jury lobte den Text wie folgt: „In seiner Satire geht es um das Aufzeigen der ökonomischen Ausbeutung menschlicher Gefühle, sie kreist um die Frage der moralischen Zulässigkeit eines auf Wachstum und Gewinnmaximierung basierten wirtschaftlichen Handelns. Laurin ist der Beweis dafür, dass Beharrlichkeit ein hohes Gut ist, denn er hat häufiger teilgenommen, durchaus mit Erfolg. In diesem Jahr ist ihm nun der große Wurf gelungen.“ 2018 gewann Laurin J. Lenschow mit seiner Kurzgeschichte „Freiheit“ den 3. Preis und war damit auch am Literaturtelefon zu hören.

Laurin J. Lenschow schreibt zur Entstehung seines Textes: „Bei meiner Kurzgeschichte handelt es sich um eine Satire über die wirtschaftliche Ausbeutung menschlicher Gefühle. Die Idee dazu kam mir, als ich auf einem Auto statt des Werbetextes „Wir sanieren auch Ihr Gewässer“ „Wir sanieren auch Ihr Gewissen“ las und mich fragte: Was macht eigentlich ein Gewissens-Sanierer?“

Die Texte aller PreisträgerInnen sind auch hier nachzulesen.

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Drei Entwicklungsromane aus Umbruch- und für Krisenzeiten

Der gemeinsame Nenner von Leif Randts Allegro Pastell, Lutz Seilers Stern 111 und Uwe Timms Heißer Sommer sind drei männliche Protagonisten (Jerome, Carl und Ullrich), die an den gesellschaftlichen Nahtstellen 1968, 1989 und in einer unbestimmten Zeit kurz vor Corona erwachsen werden (können/müssen).

Alle drei Männer sind nicht die Trendsetter in einer sich schnell wandelnden Welt, eher unsichere Mitläufer, die durch die von ihnen als dramatisch empfundenen Grenzerfahrungen die Entscheidungsmöglichkeit bekommen, ihr Leben und nicht die Wunschvorstellungen anderer zu leben.

Ullrich aus Heißer Sommer wird in die gesellschaftlichen Verwerfungen der Studentenrevolte 1968 in München und Hamburg geworfen. Er erlebt einen Universitätsbetrieb in Hamburg mit dem Muff von 1000 Jahren, probiert sich in Aktionen, die in der linken Szene Anerkennung versprechen, merkt aber schließlich, dass ihm die Schablone des Ideologieträgers zu eng wird. Nach schmerzvollen Erlebnissen als Linker in einer Fabrik in Hamburg, dem Abzug einiger ‚Kampfgenossen‘ Richtung Bauernhof im damaligen Zonenrandgebiet und unerfüllten Beziehungen zu Frauen strebt er nach Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit und geht zurück nach München.

Uwe Timm zeichnet in diesem Roman ein realistisches Bild der 68-er Zeit in dem kleinen gesellschaftlichen Segment der Studentenbewegung. Der den Figuren in den Mund gelegte, nicht nur aus heutiger Sicht z.T. verwirrende politisch-bornierte Jargon (links und rechts) und die gnadenlose Direktheit der Interaktion ließen in mir Erinnerungen an meine Erfahrungen in und mit dieser Zeit lebendig werden.

Carl aus Stern 111 wird kurz nach dem Mauerfall faktisch zum Waisen, da die Eltern von Gera in den Westen flüchten. Carls ‚Flucht‘ geht nach Ostberlin, wo er durch Zufall und Not auf eine Gruppe von Hausbesetzern in Mitte stößt. Die neue ‚Familie‘, ein Kaleidoskop von herrlich skurrilen, menschlich-warmen Figuren, hat ihren Lebensmittelpunkt in der ‚Assel‘, einer (bis vor Kurzem real existierenden) Kneipe in der Oranienburgerstraße. In der Assel lassen sich die rapiden Veränderungen nach der Wende beobachten, während Carl seinen unsicheren, sehnsüchtigen Weg zum Schriftsteller kraft- und lustvoll beschreitet. Ganz anders (und für Carl lange unverständlich) seine Eltern, die erst getrennt, dann gemeinsam die typischen Flüchtlingsanpassungsprozesse in Westdeutschland durchlaufen, ehe sie nach Kalifornien auswandern, dem Ort der tief verankerten Sehnsucht nach individueller Freiheit.

Der Preis der Leipziger Buchmesse an Lutz Seiler würdigt sicher nicht nur die Coming of Age Geschichte Carls. Der Roman beleuchtet auch den Untergang der DDR und die vielen, heute z.T. enttäuschten Hoffnungen auf eine kreative Erneuerung von innen heraus.

Allegro Pastell portraitiert besonders am (nicht repräsentativen) Beispiel von Jerome (Web-Designer) und Tanja (erfolgreiche Schriftstellerin) die heute 30-35-Jährigen, die anders als die Protagonisten von Timm und Seiler keinen klar definierbaren äußeren Feind (u.a. Nazis, Springer-Presse in der Bundesrepublik, SED und Stasi in der DDR) mehr bekämpfen, sich dafür stark am medial von sich vermittelten Bild abarbeiten und als inneren Feind den gesellschaftlichen Druck zur Selbstoptimierung in Schach halten müssen. Wie in den anderen beiden Romanen bilden auch hier Love (häufig unerfüllt), Sex (eher oft erfüllt) und diverse legale und illegale Drogen (sehr oft erfüllt) die Füllmasse für variantenreiches, nicht immer planbares Zusammensein in Berlin und Frankfurt/Main.

Mich überzeugte vor allem Leif Randts Sprache. Mit Humor und Bissigkeit ermöglicht er Brechungen, in denen er einerseits sehr kenntnisreich eine gesellschaftliche Gruppe von innen heraus darstellt, sich gleichzeitig von dieser distanziert und so den Raum für (selbst-) kritische Betrachtung öffnet.

Im Kontext der derzeitigen Pandemie gehört Allegro Pastell zu den Romanen, die uns Lebensentwürfe aus einer in der dargestellten Form nun vergangenen Zeit skizzieren. Somit hat Randt unbeabsichtigt einen Vor-Wende Roman geschrieben, der dem Während-Wende Roman Heißer Sommer und Stern 111 als Nach-Wende Roman folgt.

Günther Sommerschuh

ein neues ‚Kinder’buch?

Ulrich Hub, mit Illustrationen von Jörg Mühle Erschienen bei S. Fischer Juli 2017, erstmals erschienen 2007 im Sauerländer Verlag                     An der Arche um Acht

Plitsch! Genau mitten auf die Nase! So müsste es angefangen haben. Steht da zwar nirgendwo, aber anders kann es gar nicht angefangen – und zu einer gigantischen Katastrophe geführt – haben. Die Nase gehört zu einem Pinguin. Genauer: Plitsch, plitsch, plitsch! sind es deren drei, die a), weil sie an Feuchtigkeit gewöhnt sind, die Tropfen ohnehin nicht wahrgenommen hätten, und b) sowieso überhaupt nichts wahrnehmen, was um sie geschieht, weil sie sich permanent mit sich selbst beschäftigen. Am liebsten mit Streitereien mit viel Action; um sie herum nämlich sieht man nichts weiter als eine unendliche Schneelandschaft. Da muss man schon selbst dafür sorgen, dass richtig etwas los ist!  Aber immerzu streiten ist auf die Dauer langweilig. „Wenn endlich einmal irgendetwas passieren würde!“ sinniert der kleinste von den dreien sehnsuchtsvoll. Es passiert auch umgehend etwas: Ein kleiner, gelber Schmetterling flattert um die Nasen des Trios. Das kann nicht gutgehen. Geht es auch nicht. Der Tropfen werden viele, sehr viele: Eine „richtige“ Sintflut bahnt sich an.  Es wäre eigentlich alles ganz einfach, denn Pinguine können doch schwimmen, aber das fällt ihnen erst wieder ein, als die ganze wechselvolle Geschichte vorbei ist, und so wird es kompliziert. Wegen des Schmetterlings haben sich der kleine Pinguin und die beiden anderen erst einmal gründlich verkracht. Der Lütte rennt wutentbrannt davon, als die beiden Großen anfangen, über „Gottes Strafen“ zu sinnieren, weil er sich einfach auf das hübsch gelbe Lebewesen gesetzt hat, aus Versehen, aber eigentlich hatte er ihn sowieso platt machen wollen. Warum eigentlich? Rettung und Komplikationen kommen mit der wohlbekannten Taube, die im Auftrag Noahs die beiden (beiden?) Pinguine in die Arche beordert. Natürlich geht das ganz und gar nicht ohne den Lütten! Er wird aufgespürt, die heftige Diskussion, ob schon jemand jemals diesen strafenden Gott überhaupt gesehen hat, wird erstmal nicht fortgesetzt. Mit Phantasie und Tricks kommt das Trio regelwidrig auf die Arche, wo es beinahe zu spät ankommt und daher mit einem Platz ganz unten im Bauch des Gefährts vorlieb nehmen muss. Natürlich darf der Kleine nicht entdeckt werden. Sein Redebedürfnis – und überraschendes -talent! – und sein leichtfertig störrischer Wunsch nach Käsekuchen zur unpassenden Zeit lassen den Schwindel auffliegen. Zur Katastrophe kommt es jedoch nicht mehr, denn die Arche landet. Und urplötzlich entdeckt die Taube, dass sie ein ziemliches Problem hat. Die Pinguine aber sind gewitzt und findig. Das Problem wird gelöst und Noah bleibt somit alleine auf der Arche zurück. Einige Probleme aber bleiben ungelöst. War die Sintflut ein Fehler? Hat denn jemals jemand einen strafenden Gott überhaupt gesehen? Habe ich im Text etwa etwas völlig übersehen?  Ich schlage vor, das Buch Kindern vorzulesen. Und wenn Sie an Passagen kommen, bei denen Sie kurz verstummen, das Buch sinken lassen, einen Augenblick in die Luft schauen und erst durch ein „Lies weiter!“ in die Gegenwart zurückgeholt werden, dann haben Sie vielleicht gerade ein Antwort gefunden, die Sie schon immer gesucht haben.

Edgar Fuhrken

Glück und Gewissen – Junger Literaturpreis zum vierten Mal vergeben

Platz 1 Laurin Lenschow
Platz 2 Enya Erichsen Pereira
Platz 3 Julia Riedel

Zum vierten Mal hat der Freundesverein des Literaturhauses den jungen Literaturpreis vergeben. Und auch wenn die feierliche Preisvergabe mit Lesung im Literaturhaus aus aktuellem Anlass dieses Mal ausfiel: Drei Preisträger dürfen sich über Geldpreise freuen.
Die Resonanz hat stetig zugenommen. „In diesem Jahr haben wir sogar 13 Beiträge nicht nur aus anderen Bundesländern, sondern sogar elf aus anderen Ländern bekommen“, freut sich Ute Zopf, Vorsitzende des Freundeskreises des Literaturhauses, der seit 2017 den Jungen Literaturpreis vergibt.
Junge Schreiblustige von 14 bis 20 Jahren sind da gefragt, und drei davon dürfen sich über ein kleines Preisgeld (insgesamt 500 Euro) freuen. Auch die Qualität, so Ute Zopf, sei in diesem Jahr gestiegen: „Die Texte sind gehaltvoller geworden.“
Drei Preisträger hat die fünfköpfige Jury am Ende ausgewählt – und die punkteten mit ganz unterschiedlichen Themen und Stimmlagen. Eine erstaunliche Marktlücke entdeckt der Ich-Erzähler in Laurin Lenschows Geschichte Wir sanieren auch Ihr Gewissen. Der Kronshagener Schüler, der 2018 schon auf dem dritten Platz landete und nun den ersten Preis erhielt, erzählt darin, wie sich aus schlechtem Gewissen und verpassten Entschuldigungen eine Dienstleistung machen lässt. Die Jury lobte die Satire, in der es „um das Aufzeigen der ökonomischen Ausbeutung menschlicher Gefühle“ gehe.
Von einer verlorenen Seele und einer Begegnung zwischen Leben und Tod schildert Enya Erichsen Pereira aus Glücksburg in ihrer mit dem zweiten Preis ausgezeichneten Geschichte Treffpunkt Sacré Coeur. Der Text, an dem der Jury die „Betrachtungen zu Glück und Schicksal“ ebenso gefiel wie die Mischung aus Humor und Tragik, schwebt auch sprachlich zwischen Abenteuer und Märchen, Witz und Nachdenklichkeit.
Wie Bücher und das Lesen die Welt erweitern und helfen, sie zu begreifen, das hat Julia Riedel aus Gettorf beschäftigt. Ihre Erzählung mit essayhaften Zügen Seite an Seite erhielt den dritten Preis.
Dass die Lesung im Literaturhaus wegen der Coronakrise ausfallen musste, bedauert nicht nur Ute Zopf, sondern auch die Nachwuchstalente. Nun hofft man, die Ehrung im Juni nachholen zu können. Bis dahin sind die Preisträgertexte im Netz nachzulesen.

Eine Sachbuchempfehlung von Barbara Ratschow

Karl-Martin Hentschel, Demokratie für morgen  

Dies ist ein Buch, das man nicht einfach so verschlingt, immer wieder brauchte ich „Verschnaufpausen“, denn die Roadmap zur Rettung der Welt hat es in sich!

Wen die Sorge umtreibt, wie es mit uns in Europa und mit diesem wunderbaren, aber auch schwierigen Kontinent im Weltgefüge weitergehen kann und sollte, dem empfehle ich diese Lektüre.

Dem ehemaligen Vorsitzenden der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von S-H gelingt mit seinem 2018 erschienenen Buch DEMOKRATIE FÜR MORGEN ein überaus detailreicher, kluger, politisch- sozial- und ideengeschichtlich spannender „Entwurf für ein gerecht(er)es Europa“. Keine Spur von schwadronierenden Utopien, die den Leser denken lassen – alles schön und gut, aber leider nicht realisierbar – sondern klar strukturierte Analysen, Einordnungen, konkrete Anregungen und hoffnungsvolle Ansätze zur Erreichung des möglichen Ziels.

Eine Fülle interessanter Quellen aus Politik, Wirtschaft, Soziologie und anderen Bereichen wird hier zu faszinierenden Beispielen gesellschaftlicher Verfasstheit verschiedener europäischer (und außereuropäischer) Länder verarbeitet.

Trotz der Komplexität einzelner zum Beispiel juristischer Sachverhalte kann auch der politisch interessierte Laie von diesem inspirierenden Buch profitieren. Ich habe es jedenfalls mit Vergnügen getan.

Karl-Martin Hentschel 

Demokratie für morgen – Roadmap zur Rettung der Welt

 UVK      Verlag, München, www.uvk.de

 

 

 

Über LEÏLA SLIMANI „Dann schlaf auch du“, 2016, von Brigitte Drews

 

Klappentext

Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbau Wohnung im 10. Arrondissement. Myriam und Paul können sich endlich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren, während Louise wie mit unsichtbaren Fäden die Familie zusammenhält, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist ihre Kinderfrau unentbehrlich geworden. Die Eltern ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.

 

Vor dem Hintergrund dieser individuellen familiären Konstellation zeichnet die Autorin ein differenziertes Porträt der sozialen Verwerfungen im heutigen Frankreich. Myriam und Paul wollen ein perfektes Paar sein, Familie und Beruf unter einen Hut bringen, alles richtig machen – und zwar so, dass man das Ergebnis guten Gewissens vorzeigen kann. Die französisch-marokkanische Schriftstellerin gibt Einblicke in ein bourgeoises Milieu, das ‚grün‘ denkt und lebt, gebildet und weltoffen scheint, dabei zugleich halbbewusst latenten Rassismus sowie Klassen- und Geschlechterunterschiede reproduziert.

Es ist die Geschichte eines fatalen Missverständnisses zwischen diesem Mittelschichts-Milieu und den prekären Verhältnissen, in denen die Nanny lebt, und über deren Lebensumstände sich Myriam und Paul keine Gedanken machen. Doch wie sehr kann man einem fremden Menschen vertrauen? Zu spät bemerkt das Ehepaar, dass die Nanny sich in ihrem Leben eingenistet hat, um es am Ende zu dominieren.

Der Roman ist raffiniert und präzise komponiert, gut erzählt – gleichermaßen bedrückend und spannend.

Anzumerken bleibt, dass die Gesellschaftskritik, der zufolge der Täter zugleich Opfer ist, ein wenig holzschnittartig daherkommt.

Insgesamt eine empfehlenswerte Lektüre, in der kammerspielartig unsere Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen beschrieben wird. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass ich zunächst sehr verhalten an die Lektüre dieses Romans gegangen bin, doch sowohl durch eine stringente Komposition als auch eine ausdrucksstarke Erzählweise ist es der Autorin gelungen, mich in ihren Bann zu ziehen.

Quarantänezeit = Lesezeit!

Quarantänezeit – Lesezeit!                                                                      von Ulrike Gehl

Geht es Ihnen ähnlich? Diese Coronatage führen zu ganz neuem Lesevergnügen, ich kann mich nicht erinnern so intensiv und ausdauernd über mehrere Wochen gelesen zu haben. Dafür mussten die unterschiedlichsten Bücher „herhalten“: Ortheils „Liebesnähe“, Berkels „Der Apfelbaum“, Schlinks „Olga“, Banks „Die hellen Tage“, Henrichs „Die Schachspielerin“, Zehs „Neujahr“ und „Gebrauchsanweisung für Pferde“…..

Aber ein Buch fesselte mich mehr als all die genannten, und das möchte ich Ihnen jetzt als Lesetipp ans Herz, bzw. vors Auge legen: Delia Owens: „Der Gesang der Flusskrebse“

Mit ihrem Debutroman ist der Autorin ein Werk gelungen, das sich tief in unserem Inneren einprägt. Als Zoologin und eng der Natur verbundene Beobachterin versteht sie es, uns Fauna und Flora des Marschlandes von North Carolina aus der Sicht ihrer Protagonistin Kya nahe zu bringen. Wir begleiten Kya durch ihre Kindheit, ihre Adoleszenz und ihr Erwachsenenalter, eingebettet in eine Liebesgeschichte und einen Kriminalfall. Diese Entwicklung zu verfolgen bleibt spannend bis zur letzten Seite!

Nun freue ich mich auf zwei weitere Bücher, die mir von einer Freundin empfohlen wurden: Carmen Korn,“Töchter einer neuen Zeit“ und Peter Prange, „Eine Familie in Deutschland“.

Allen Großeltern empfohlen

Allen Großeltern empfohlen      von Mücke Voss, eine der Kindergartenvorlesevormittagefrauen!

 

„Ausflug zum Mond“ von John Hare aus dem Moritz Verlag

Dieses Buch (ohne Text) regt Jung und Alt zu den verwegendsten Geschichten an. Jeder Vorleser, jede Vorleserin wird den eigenen Text für dies herrliche Bilderbuch erfinden. Es regt die Kinder ebenfalls zum Erzählen von Geschichten an. Man wundert sich über ihre Fantasie.

 

„Eine Sternschnuppe im Schnee“ von Yumi Shimokawara aus dem Verlag antlantis

Bestechend die lebensnahen wunderbaren Tierbilder, naturgetreu bis ins letzte Barthaar: eine märchenhafte, wunderbare Geschichte.