Preisträger 2019


Luisa Linkersdörfer – 2. Preis

„Der Hund, der aus dem Meer kam“

Es ist eine samtig dunkelblaue Nacht, durchzogen von grellen, gelben und orangenen Blitzen. Die Welt scheint in Aufruhr, so viel Bewegung, so viel Durcheinander. Unter diesem Himmelsspektakel sitzen klein
und unscheinbar eine Katze und ein Hund und reichen sich die Pfoten. Frieden.
„Jule, was denkst du?“ Ich drehe den Kopf weg von dem Bild und sehe meine Mutter an. Nicht dass ich ihr in die Augen sehen würde, denn das tue ich nie. Aber mit den Jahren habe ich gelernt, den Leuten zumindest ins Gesicht zu starren. Was ich denke… Ich denke so viel. Zu viel. Das Bild erinnert mich an das Chaos in meinem Kopf und an den Kampf mit mir selbst, überhaupt in diese Ausstellung zu gehen. Es erinnert mich daran, dass auch unsere Erde nicht ewig hält -nichts hält ewig, alles ist ergänglich- und daran, dass ich Taco, meinem Kater, nicht pünktlich sein Mittagessen servieren kann, weil ich mit meiner Mutter hier in diesem Raum, in dieser Ausstellung stehe. Und dann denke ich, dass ich es hasse, dass mein Tagesablauf durch ein so unruhiges, ungeordnetes Bild gestört wird. Aber wenn ich das sagen würde, das weiß ich genau, dann würde meine Mutter sagen: „Das ist doch wieder typisch autistisch.“ Also verschlucke ich meine Gedanken und antworte schlicht „Ich denke, dass dieses Bild einigermaßen gelungen ist.“
Typisch autistisch. Seit ich vor einem Monat die Diagnose Asperger Autismus bekommen habe, ist für meine Mutter scheinbar nichts mehr wie früher. Dabei sind es doch nur Worte, gedruckte Worte auf Papier, die mir
eine Art zweiten Nachnamen geben: Jule Clausen Autistin.
Dass ich in einer Rätselwelt lebe, habe ich nie in Frage gestellt. Alles, was um mich herum passiert, ist so laut und bunt und viel, dass ich keine Ahnung habe, wie andere Menschen damit klarkommen. Wie macht ihr das? Erst seit der Diagnose denke ich, dass vielleicht nicht die Welt das Rätsel ist, sondern ich.
Als wir endlich (ENDLICH!) diese Kunstausstellung verlassen und nach Hause fahren (meine Mutter gesteht mir im Auto, dass wir nur hingefahren sind, weil Autisten ja so Superhirne und Spezialinteressen haben, die man fördern muss) drücke ich mich auf der Rückbank eng ans Fenster, schließe die Augen und stelle mir vor, endlich zu Hause zu sein.
Meine Mutter ist noch dabei, das Auto einzuparken, da öffne ich schon die Tür und springe mit einem Satz ins Freie, ins sichere Terrain. Taco erwartet mich bereits an der Haustür, ich ziehe meinen Schlüssel aus der Jacken-tasche, öffne die Tür und fülle das Schälchen meines Katers mit Trocken-futter. So viel Zeit muss sein, und damit bin ich auch fast wieder in meinem gewohnten Zeitplan. Ich muss lächeln, als ich an den großen, minutiösen Tagesplan in meinem Kopf denke. Das ist auch so ein Phänomen in der Rätselwelt, das ich nicht verstehe. Dass Menschen einfach so in den Tag hinein leben, dass sie Sätze sagen wie „Heute nach der Arbeit gehe ich zum Badminton wenn ich Lust habe, vielleicht verbringe ich aber auch Zeit mit der Familie oder gehe einkaufen.“ Mein Tag ist von vorne bis hinten durchgetaktet. Und der nächste Programmpunkt ist mein Meerspaziergang. Ich laufe in mein Zimmer im Erdgeschoss unseres Hauses, meinen Rucksack habe ich gestern schon gepackt („Programmpunkt 18:30 Uhr: Rucksack für den nächsten Tag packen“) und so muss ich ihn nur noch aufsetzen und bin schon wieder halb aus der Tür, während meine Mutter immer noch mit den Autoschlüsseln hantiert.
Ihr habt doch sicherlich auch schon mal gehört, dass Autisten Superbegabungen haben, oder? Da muss ich euch enttäuschen, ich bin nicht Superwoman und in der Schule auch nur ziemlich durchschnittlich. Aber ich liebe das Meer, speziell die Ostsee die an unser Haus grenzt, und ich weiß eine Menge darüber. Jeden Tag laufe ich den schmalen Sandpfad durch die Dünen hinunter ans Meer, und jeden Tag erwartet mich etwas
anderes. Mal ist die Ostsee sanft und so ruhig, dass ich mich schnell umziehe und im Badeanzug ins Meer springe. Dann tauche ich so tief ich nur kann und beobachte mit großen Augen die winzigen Plattfische,
kriechenden Krebse und die wogenden Algen. Ich tauche bis der Druck auf meinen Ohren nicht mehr erträglich ist, und dann tauche ich auf und lasse mich treiben, und die Ostsee schwappt wie eine sanfte Decke über mich.
Und dann gibt es Tage wie heute, an denen die Ostsee wütet und braust und schäumt und mich mit ihrer Wildheit in ihren Bann zieht. An solchen Tagen kauere ich mich in meinen selbstgebauten Unterschlupf aus alten Brettern und schreibe Geschichten. Natürlich über die Ostsee.
„Die Ostsee ist ein Kind im Vergleich zu den anderen Meeren. Sie ist nämlich das jüngste Meer, das es gibt. Ihre Bewohner sind bunt und vielfältig und von Natur aus zäh, denn wer nicht zäh ist, hat in der Ostsee
keine Chance, weil…“
Ein Schnuppern unterbricht mich. Eine kleine Schnauze mit einer feuchten, schwarzen Nase schiebt sich in mein Versteck. Ich schaue kurz auf. Es kommt oft vor, dass die freilaufenden Hunde der Spaziergänger mein
Versteck finden, kurz reinschauen und dann davonzuckeln. Ich finde Hunde okay. Ich glaube, sie leben auch in einer Art Rätselwelt bei ihren Herrchen, und darum kann ich sie gut verstehen. Aber ich finde es auch
okay, wenn sie dann weiterziehen und ich meine Ostsee-Texte überarbeiten kann.
Die Nase schnuppert weiter und langsam biegt auch der restliche Teil des Hundes um die Ecke. Es muss noch ein junger Hund sein. Vielleicht eine Art Labradorpudel? Sein Fell ist nass und karamellfarben, und er riecht nach Hund und Meer und Natur. Der Hund drängelt sich an mir vorbei in meinen Unterschlupf und rollt sich zu einer Kugel ein. Ungewöhnlich, aber das stört mich nicht. Ich sehe wieder auf meinen Text. „…weil die Ostsee teilweise Süß- und teilweise Salzwasser enthält und weil in manchen Teilen der Ostsee im Sommer kaum noch Sauerstoff vorhanden ist. Die Journalisten nennen das „Todeszonen“. Um das zu überstehen musst du echt hart im Nehmen sein.“ Ich schaue auf. Der Hund liegt immer noch neben mir. Da wo sein Fell meine Hose berührt spüre ich seine Meeresnässe. Ich beuge mich aus dem Versteck. Kein Spaziergänger zu sehen. Also schreibe ich weiter, verliere mich in den Worten über mein Lieblingsthema und höre draußen das Meer rauschen.
Es wird dämmrig. Der Hund liegt immer noch neben mir. Sein Fell scheint etwas getrocknet zu sein, trotzdem verströmt er immer noch diesen beruhigenden Duft. Ich versuche erst gar nicht, den Hund zu verscheuchen, denn ich mag seine ruhige, angenehme Art. Stattdessen strecke ich meine Beine und stehe langsam auf. Der Hund folgt mir, aus dem Versteck und über den Sandweg hinüber zu unserem Haus. Auf dem Weg begegnen wir Taco. Ich habe ohnehin nichts dabei, um den Hund festzuhalten, also sehe ich nur zu, als der Hund mit zuckender Nase auf Taco zugeht. Die beiden sehen sich an, Schnauze an Nase, dann geht Taco seines Weges und der Hund folgt mir zu unserem Haus. Das ist der Moment, in dem ich weiß, der
Hund gehört nun zu mir. Taco hat ihn akzeptiert, und Tacos Meinung ist mir die wichtigste überhaupt, wichtiger als all die Menschenmeinungen, die sich ständig ändern.
Als ich ins Haus komme, sitzt meine Mutter auf dem Sofa vor dem Fernseher, gebannt auf den Bildschirm starrend. Ich klettere in meinen Hängesessel, der neben dem Sofa hängt. Ich liebe es, mich darin ein-zukuscheln. Auf dem Sofa habe ich immer das Gefühl, da ist so viel Platz, dass ich auseinanderfalle. Der Hund legt sich unter meinen Hängesessel, die Vorderpfoten elegant überkreuzt. Erst bemerkt ihn meine Mutter nicht. Sie begrüßt mich mit einem kurzen „Hallo Jule, wie war’s am Meer?“ und schaut weiter auf den Fernseher. Ich weiß, dass ich auf diese Frage keine Antwort geben muss, meine Mutter stellt sie jeden Abend, also schweige ich, strecke nur einen bestrumpften Fuß aus meinem Hängesessel und streichle damit dem Hund über den Rücken. Er soll Argo heißen, beschließe ich, wie die Argonauten. Als ich noch in die Grundschule ging, waren die meine Helden. Andere Kinder mochte Spongebob, ich die Argonauten. So ist
das Leben. So ist mein Autismus. Und vielleicht war das der Punkt in meinem Leben, an dem Gleichaltrige anfingen, mich seltsam zu finden.
In der Werbepause schaut meine Mutter auf und entdeckt Argo. „Jule? Was macht der Hund da?“ Sie schaut auf meinen zufriedenen Karamellhund hinunter. Ich zögere. „Das ist Argo, Mama. Mein Hund. Er hat kein Zuhause und Taco hat ihn akzeptiert, also kann er doch bei mir wohnen, oder?“ Meine Mutter zerknautscht ihr Gesicht. „Du weißt, dass ich Hunde mag, aber…“ Ich unterbreche sie. Das mache ich sonst nie, weil ich Unterbrecher hasse, aber jetzt muss ich kämpfen, für Argo. „Ich werde Zettel aufhängen, dass wir ihn gefunden haben, okay? Und wenn sich niemand meldet bleibt er. Bitte.“
Am nächsten Tag laufe ich in die Stadt. Unsere Stadt ist klein im Verhältnis zu anderen Städten, das weiß ich, aber mir ist sie immer noch zehn Nummern zu groß. Darum trage ich auch eine Sonnenbrille. Ich fühle mich
dann fast unsichtbar, und das macht das Ganze erträglicher. Aber heute brauche ich keine Sonnenbrille, denn Argo ist neben mir. Ich habe ihm aus Tauen ein primitives Halsband mit Leine gebastelt, und er trottet mit einer unglaublichen Sicherheit durch die Straßen. Mit Argo neben mir traue ich mich sogar, die Menschen zu grüßen, die ich kenne. Das vermeide ich normalerweise, weil ich eine Niete im Smalltalk bin, aber Argo gibt mir Kraft. Und so laufen wir, der karamellfarbene Hund, den ich erst seit einem Tag kenne, und ich, und es fühlt sich wunderbar und vertraut an. Zu vertraut, um ihn je wieder herzugeben. Zu vertraut, um Suchzettel aufzuhängen. Ich weiß, ich werde meine Mutter nicht anlügen können. Sie
durchschaut mich immer. Also hole ich den Packen Zettel aus meinem Rucksack und beginne, sie in der Stadt aufzuhängen. Hinter Schildern und Laternen, in schmalen Seitengassen und dunklen Ecken. Vielleicht
ist das nicht fair, und es entspricht bestimmt nicht den Vorstellungen meiner Mutter, aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass jemand Argo auf den Zetteln erkennt und anruft und ihn mir wegnimmt.
Mein Plan geht auf, es meldet sich niemand, und Argo und ich verbringen einen wunderbaren Sommer zusammen, den ich nur mit einem Wort beschreiben kann: Voll. Voll von Lachen und Argos Gebell, voll von
Abenteuern und Wärme. Argo stört meine Routinen nicht, aber er verändert sie zum Besseren. Mein Notizbuch mit den Ostseegeschichten lege ich ganz hinten in meine Schreibtischschublade. Im Winter werde ich weiterschreiben, denke ich. Stattdessen gehen Argo und ich schwimmen oder rennen durch die Brandung; ich im Badeanzug, Argo in großen Freudensprüngen neben mir. Nachts schlafe ich wenig, die meiste Zeit sitze ich neben meiner Nachttischlampe auf dem Boden und lese Sachbücher über Hunde. Und ich beginne, meinen Karamellhund zu erziehen. Bald geht er annehmbar bei Fuß und hört jederzeit auf meine Rufe nach ihm. Wir gehen oft in die Stadt, um ein Eis zu essen, so oft war ich in meinem gesamten Leben nicht in der Stadt. Wenn mir der Menschentrubel zu viel wird drücke ich mich an Argo, und mein Hund ist wie ein Fels in der Brandung, der verhindert, dass ich wegfließe.
An manchen Tagen stehen Argo und ich noch vor meiner Mutter auf, frühstücken und schleichen uns aus dem Haus. Dann nehmen wir den extra frühen Bus, in dem nur wenige Passagiere sitzen, und fahren in ein großes Waldgebiet. Wälder sind gleich nach Meeren und Stränden meine liebsten Orte. Wenn mein Hund und ich im Wald sind, atme ich den Geruch nach Erde und Harz und Bäumen tief ein, lasse mich vollkommen davon erfüllen. Dann streifen wir durchs Unterholz, immer auf der Suche nach
Wildtiertrampelpfaden. Einmal sehen wir sogar eine Ringelnatter, die sich auf einem Flecken Erde sonnt.
Ich bin glücklich. Ich habe Ferien, Freiheit und den wunderbarsten Hund der Welt. Wozu brauche ich da noch Menschen? Meine Mutter sehe ich oft erst abends, wenn ich verschwitzt und zufrieden zurückkomme. Ich weiß nicht, ob sie mich vermisst, oder ob sie froh ist, dass ich meine Tage mit Argo verbringe. Ich kann nämlich manchmal ziemlich anstrengend sein. „Typisch autistisch“ würde meine Mutter wohl sagen. Aber mittlerweile bin ich mir sicher, dass ich antworten würde „Typisch ich!“
Unser Sommerglück endet eine Woche vor Schulbeginn. Ich habe mir schon erträumt, wie ich Argo mit in die Schule nehme, und wie dann die Anderen nicht mehr gemein sein würden, sondern mich und meinen Hund schätzen und respektieren würden. Diese Vorstellung war wunderbar. Da klopft es eines Morgens, als ich mir gerade die Schuhe anziehe und Argo die Leine umlege, an der Tür. Mit Argo dicht bei mir traue ich mich, die Haustür zu öffnen. Draußen steht ein Bartträger, ziemlich groß, in kurzer Hose und Sandalen. Vorsichtig schaue ich in sein Gesicht. Er scheint mich anzulächeln. „Hallo“ sage ich unsicher. Argo hingegen wedelt so freudig mit dem Schwanz, dass sein ganzes Hinterteil mitwackelt. Und vielleicht weiß ich es da schon. Dass Argo zu diesem Mann gehört. Dass meine Flugblätter doch nicht unbemerkt geblieben sind. Meine Mutter kommt und bietet dem Bartträger einen Sitzplatz auf unserer Terrasse an. Der Mann beginnt zu erzählen. „Vor drei Monaten haben meine Frau und ich einen jungen Hund aus dem Tierheim adoptiert. Wir sind totale Tiernarren und verbrachten viel Zeit mit Bo, so heißt unser Hund. Trotzdem büxte er uns eines Tages bei einem Spaziergang aus, und wir fanden ihn einfach nicht wieder. Erst gestern haben wir ein Flugblatt entdeckt und wussten sofort; unser Bo ist noch am Leben. Wir waren so erleichtert!“ Es entsteht ein unangenehmes Schweigen. „Sie müssen entschuldigen, meine Tochter spricht mit Fremden wenig, sie ist autis…“ Ich unterbreche sie. Wieder. „Es war, als wäre er direkt aus dem Meer gekommen. Es war so stürmisch und ich saß in den Dünen, und dann war er auf einmal da…“ erzähle ich leise. „Argo ist mein
bester Freund. Nach den Ferien begleitet er mich in die Schule.“ Der Bartträger räuspert sich. „Das klingt sehr schön, und ich bin froh, dass Bo hier so gut aufgehoben war. Trotzdem würde ich ihn jetzt gerne mitnehmen.“ Wortlos stehe ich auf und gehe. Ich weiß, wer sein Tier wirklich liebt, der bleibt bei ihm bis zum Schluss. Aber ich ertrage das Ende von Argo und mir einfach nicht. Ich gehe in mein Zimmer, mache die
Tür zu und hole meine Ostseegeschichten aus der Schublade. Ich schreibe und schreibe, und als ich wieder aus meinem Zimmer komme, ist Argo fort.
Die nächste Zeit ist grau und düster, obwohl die Sonne scheint und der Himmel blau ist. Ich rede noch weniger als sonst, also praktisch gar nicht, meine Klassenkameraden verstehen mich weiterhin nicht, irgendwie ist alles beim Alten. Nur fühlt es sich an, als hätte jemand aus einem Farbfilm einen Schwarz-Weiß-Film gemacht. Ich glaube, so fühlt sich Vermissen an. Ich habe früher nichts vermisst. Aber jetzt vermisse ich Argo, unendlich doll.
Dann kommt Weihnachten. Ich wünsche mir, wie jedes Jahr, nur Bücher, und schenke meiner Mutter, wie jedes Jahr, Schokolade. Die Lichter am Tannenbaum brennen, und der schwache Duft nach Harz erinnert mich an die Sommertage mit Argo. Stumm packe ich all meine Bücher aus, bringe nur ein „Vielen Dank“ hervor. Meine Mutter scheint sich über meine Schokolade zu freuen, meint dann aber, dass sie kurz runter ans Meer muss. Ich verstehe nicht, im Gegensatz zu mir ist meine Mutter kein leidenschaftlicher Meermensch. Ich verfolge auf meiner Armbanduhr, wie Sekunden, wie Minuten verstreichen, ich sitze einfach da und schaue. Dann geht die Tür auf. Und mir entgegen springt Argo, mein Karamellhund.
Ungläubig bleibe ich sitzen und werde von ihm fast umgeworfen, denn in den Letzen Monaten ist er ein ganzes Stück größer und stärker geworden. Stumm halte ich mich an ihm fest, und spüre seine Stärke, seinen Mut, seine Kraft, und die Welt bekommt wieder Farbe. In der Tür stehen meine Mutter und der Bartträger. „Da ist er, dein Hund aus dem Meer“ sagt meine Mutter lächelnd. Und der Bartträger fügt hinzu: „Was zusammengehört soll man nicht trennen.“
An diesem Abend liege ich in meinem Bett und quetsche mich an die Wand, weil Argo (mein Hund!) mindestens 65% der Fläche beansprucht. Ich bin glücklich. Und ich muss an diesen ersten Tag denken, an dem meine Mutter und ich in der Kunstausstellung waren und Argo und ich uns zum ersten Mal getroffen haben. Ich erinnere mich an das Bild in der Ausstellung, auf dem sich Katze und Hund die Pfoten reichten und trotz allem Trubel Frieden war. Taco und Argo. Katze und Hund. Zwei Freunde an meiner Seite. Und plötzlich bin ich mir ganz sicher, dass ich ab diesem Tag nie mehr allein durch diese Rätselwelt laufen werde. Und es gibt keinen, wirklich keinen Gedanken, der mich glücklicher machen würde

Preisträger 2019

Angelina Bock – 3. Preis

„Der Glücksmacher“

Es war einmal ein Mann, der war auf der ganzen Welt dafür bekannt, dass er die Kunst seines Handwerks wie kein Zweiter beherrschte. Und sein Handwerk war ein ganz sonderbares, denn wie der Drechsler drechselte, wie der Schneider schneiderte, wie der Maurer mauerte und wie der Schmied schmiedete, so konnte der Glücksmacher, so sagte man, Glück machen.
Der Glücksmacher liebte sein Handwerk und er war ein freundlicher Mann, also teilte er es mit den Menschen. Und so ging er durch die Welt, mit schweren Stiefeln und leichtem Herzen, um Glück zu machen.
Und wie er so durch die Welt ging, da kam er eines schönen Tages an einem Stuhl vorbei. Auf dem Stuhl saß eine Frau, die Schultern gebeugt von einer unsichtbaren Last. ,,Meine Teure”, sagte der Glücksmacher, ,,wie kann ich dir helfen, wie kann ich dich glücklich machen?” Und sie antwortete: ,,Das kannst du nicht, das kannst du nicht! Mein Herz ist ganz schwer vor Sorgen, nichts vermag meine düsteren Gedanken zu durchdringen und ich weiß nicht einmal, warum. Ach, könntest du doch nur meinen Kummer von mir nehmen, aber das kannst du nicht!” Da nahm der Glücksmacher ihre Hände zwischen die seinen und wie er sie wieder fortnahm, da war ihre Schwermut vorüber.
Der Glücksmacher ging seines Weges und die Frau war überglücklich. Doch schon bald zog ein Unwetter herauf und da setzte sie sich, wie man das eben so macht bei einem Unwetter, in ihr Stüblein und las ein Buch. Da huschte das Glück ihr davon, denn es hatte Angst vor Unwettern und außerdem wollte es zurück zu seinem Meister.
Als das Glück den Glücksmacher eingeholt hatte, da konnte er es nicht wieder fortschicken, denn bei dem Gedanken daran wurde ihm das Herz ganz schwer. Und so ging er, das Glück auf seinen Schultern, mit schweren Stiefeln und leichtem Herzen weiter durch die Welt, um Glück zu machen.
Und wie er so durch die Welt ging, da kam er eines schönen Tages an einem Bett vorbei. In dem Bett lag ein Mädchen, das Gesicht ganz blass und die Arme ganz schwach. ,,Meine Kleine”, sagte der Glücksmacher, ,,wie kann ich dir helfen, wie kann ich dich glücklich machen?” Und sie antwortete: ,,Das kannst du nicht, das kannst du nicht! Mein ganzes kurzes Leben schon bin ich krank, alles hat man schon zu meiner Heilung versucht und ein
Jeder hat es schon versucht. Ach, könntest du meine Krankheit doch nur wegmachen, aber das kannst du nicht!” Da nahm der Glücksmacher ihre Hände zwischen die seinen und wie er sie wieder fortnahm, da war das Mädchen von seiner Krankheit geheilt.
Der Glücksmacher ging seines Weges und das Mädchen war überglücklich. Doch schon bald wurde es Nacht und da legte sie sich, wie man das eben so macht in der Nacht, in ihr Bettlein und schlief ein. Da schlich sich das Glück davon, denn es hatte Angst vor der Dunkelheit und außerdem wollte es zurück zu seinem Meister.
Als das Glück den Glücksmacher eingeholt hatte, da konnte er es nicht wieder fortschicken, denn bei dem Gedanken daran wurde ihm das Herz ganz schwer. Und so ging er, das Glück auf seinen Schultern, mit schweren Stiefeln und leichtem Herzen weiter durch die Welt, um Glück zu machen.
Und wie er so durch die Welt ging, da kam er eines schönen Tages an einer Bank vorbei. Auf der Bank saß ein Mann, ganz schick zurechtgemacht mit einem Seufzer auf den Lippen. ,,Mein Guter”, sagte der Glücksmacher, ,,wie kann ich dir helfen, wie kann ich dich glücklich machen?” Und er antwortete: ,,Das kannst du nicht, das kannst du nicht! Ich soll heute noch heiraten, nie haben wir gestritten in all den Jahren und trotzdem ist mir nun ganz bang. Ach, könntest du meine Zweifel doch nur verschwinden lassen, aber das kannst du nicht!” Da nahm der Glücksmacher seine Hände zwischen die seinen und wie er sie wieder fortnahm, da waren seine Bedenken vergangen.
Der Glücksmacher ging seines Weges und der Mann war überglücklich. Doch schon bald wurde es Herbst und da machte er, wie man das eben so macht im Herbst, einen Spaziergang durch den Wald. Da stahl sich das Glück davon, denn es hatte Angst vor herunterfallenden Blättern und außerdem wollte es zurück zu seinem Meister.
Als das Glück den Glücksmacher eingeholt hatte, da konnte er es nicht wieder fortschicken, denn bei dem Gedanken daran wurde ihm das Herz ganz schwer. Und so könnte man noch viele Geschichten erzählen, wie der Glücksmacher, das Glück auf seinen Schultern, mit leichtem Herzen weiter durch die Welt geht, um Glück zu machen, so weit ihn seine schweren Stiefel gehen lassen. Denn der Glücksmacher, so sagt man, kommt bei jedem einmal vorbei. So wird er auch zu dir kommen, um das Glück in deine Hände zu legen. Welches Unglück wirst du ihm dann klagen und wie lange wirst du warten?

Das Glück suchen und finden

Angelina Bock erhielt im Literaturhaus den 3. Preis für ihr modernes Märchen vom Glück.
FOTO: M. EHRHARDT

Der Junge Literaturpreis SH wurde zum dritten Mal vergeben

von Jörg Meyer

Viel Glück konnte die Jury den drei Gewinnern des Jungen Literaturpreises Schleswig-Holstein 2019 wünschen. Am vom Verein der Freunde des Literaturhauses SH zum dritten Mal ausgeschriebenen Wettbewerb hatten 35 Autoren und Autorinnen zwischen 14 und 20 Jahren teilgenommen, vermehrt auch aus dem ganzen Land, worüber sich Jury-Mitglied Gisela Beissenhirtz besonders freute. Der mit insgesamt 500 Euro dotierte Wettbewerb sei nicht mehr so „Kielzentriert“ wie bisher. Auch die Qualität der eingereichten Prosatexte sei deutlich gestiegen, so dass es die Jury bei ihrer Entscheidung nicht leicht hatte. Den 1. Preis gewann Nicolas Geissler mit ‚Auch der ewige Sommer muss enden‘. In einer Art Coming-of-Age-Geschichte trifft Celeste nach längerer Zeit ihren Vater wieder, weil sie Zukunftsängste plagen. Wie ihre (getrennten) Eltern ist sie eine Vagabundin, was einerseits Freiheit, aber auch Heimatlosigkeit bedeutet. Den „himmelblauen“, hippiehaften, ja, aus ihrer Sicht reichlich „blauäugigen“ Lebensentwurf ihrer Eltern (die Mutter lebt auf einem Hausboot) hat sie einerseits übernommen, andererseits opponiert sie dagegen, weil sie sich auf der Suche nach dem eigenen Glück nirgendwo „angekommen“ fühlen kann. Die Jury lobte vor allem die „unaufgeregte“ Präzision, mit der die inneren Zustände der Protagonistin in äußeren Bildern reflektiert werden, die eben ganz und gar nicht „himmelblau“ seien. Um eine ungewöhnliche Sicht auf die „Rätselwelt“ geht es auch in ‚Der Hund, der aus dem Meer kam‘, womit Luisa Linkersdörfer den 2. Preis gewann. Jule ist Autistin, was ihre „Seltsamkeit“ zwar ihrer Umwelt erklärt, nicht aber ihr. Denn was ist schon „normal“ und was „abgerückt“? Und warum versteht sie sich mit einem zugelaufenen Hund besser als mit den Menschen und diese mit ihr? Konsequent versetzt die Autorin den Leser in die Perspektive der Ich-Erzählerin auf eine „viel zu volle“ Welt, zu deren Geheimnis vielleicht doch eher sie als die „Normalen“ einen glücklichen Zugang hat. „Es war einmal“, „eines schönen Tages“, so beginnen Märchen und spinnen sich fort. Auch das vom Glücksmacher. Angelina Bock „bedient“ das Genre und parodiert es zugleich. Was vom Klang her und in der Faktur fast aus der originalen Feder der Gebrüder Grimm stammen könnte, ist ein ganz modernes Märchen vom Glück – und seiner ewigen Flüchtigkeit. Dazu beglückwünschte sie die Jury mit dem 3. Preis. Und ein weiterer Glücksfall: Auch 2020 wird der Junge Literaturpreis SH wieder ausgeschrieben und hat sich damit verstetigt.

Buchliste Freundeskreisabend

Buchhandlung Almut Schmidt, Zum Dänischen Wohld 23, 24159 Kiel, Tel. 393300

1. Donatella Di Pietrantonio: „Arminuta“ Verlag Antje Kunstmann, 20,00€

2. Dirk Knipphals: „Der Wellenreiter“ Rowohlt Berlin, 22,00€

3. Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“ Schöffling, 22,00€

4. Maike Wetzel: „Elly“ Schöffling, 20,00

5. Golnaz Hashemzadeh Bonde: „Was bleibt von uns“ Nagel & Kimche, 20,00€

Wiker Buchhandlung, Meike Lalowski, Knorrstr. 22, 24106 Kiel, Tel. 34416

6. Kirsten Warschau: „Nebelgrab“ Piper Taschenbuch, 10,00€

7. Selma Lagerlöf: „Die Legende von der Christrose“ Grabener, 16,80€

8. Dörte Hansen: „Mittagsstunde“ Penguin Verlag, 22,00€

9. Laetitia Colombani: „Der Zopf“ S. Fischer, 20,00€

10. Wolf Haas: „Junger Mann“ Hoffmann und Campe Verlag, 22,00€

Zapata, Harald Mücke, Wilhelmplatz 6, 24116 Kiel, Tel. 93639

11. Christoph Regulski: Lieber für die Ideale erschossen werden, als für die sogenannte Ehre fallen (über den Matrosenaufstand), 6,99€

12. Fredrik Backman: Kleine Stadt der großen Träume, Fischer KRÜGER, 19,99€

13. Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten, Ullstein, 20,00€

14. Theresia Enzensberger: Blaupause, Carl Hanser, 22,00€

15. Cath Crowley: Das tiefe Blau der Worte, Carlsen, 17,99€

Freundeskreisabend 2018

Traditionell am Buß- und Bettag 2018 fand unser Freundeskreisabend mit 3 Kieler Buchhändlern statt. Herzlichen Dank an die Mitwirkenden Hauke Harder, Buchhandlung Almut Schmidt, Meike Lalowski, Wiker Buchhandlung, Herrn Harald Mücke, Zapata.

Wie in den vergangenen Jahren auch, war diesmal wieder für jeden literarischen Geschmack etwas dabei, vom ‚Kiel-Krimi‘ über den Matrosenaufstand bis zu Selma Lagerlöf wurde vieles abwechslungsreich präsentiert. Mit Witz und Charme wurden die Bücher in einer sehr kurzweiligen Weise vorgestellt. Die drei Buchhändler wirkten wie ein eingespieltes Team, das sich gegenseitig ergänzte.

Für das leibliche Wohl war wieder bestens gesorgt. In der Pause gab es ein – von Mitgliedern des Freundeskreises – erstelltes Buffet. Auf jeden Geschmack wurde eingegangen, von veganer Kost, über Mettbrote bis zum süßen Kuchen, war alles vorhanden.

Unsere Helfer waren in diesem Jahr: Gisela Beissenhirtz, Karin Bündgens, Heike Bunzen, Nana Fahl, Angelika Faust, Illa Feldmann, Ulli Gehl, Regina Gehrts, Doris Havemann, Lydia Heil, Barbara und Stephan Ratschow und Waltraut Ruppel, DANKE! Ich hoffe, ich habe keinen vergessen.

Die Aufnahmen für den Offenen Kanal übernahm freundlicherweise Alisa Woronow vom Literaturhaus, vielen Dank dafür.

Sommerlesefest am 10.8.18

Wahrscheinlich schweren Herzens wurde am Vormittag entschieden, das Fest nicht um den Pavillon oben im Alten Botanischen Garten stattfinden zu lassen, sondern wegen des erheblich kühleren und unbeständigen Wetters im Literaturhaus. Jede Entscheidung hat zwei Seiten: Einerseits brauchten wir nicht so viel hoch und runter zu schleppen, andererseits wurde es naturgemäß rappeldickevoll. Nur auf dem Rasen vor dem Haus saßen die Zuhörer locker unter dem weißen Zeltdach, später mit Decken. Mit großer Anteilnahme verfolgten alle die Gespräche und Lesungen des Abends, moderiert von Sara Dusanic: Lizzie Doron, Jörg Armbruster und Norbert Gstrein.

Der Freundeskreis war wie immer mit der Erstellung eines Büfetts sowie dem Verkauf von Getränken und Fingerfood engagiert. Es gab auch israelische Rezepte! Wir bedanken uns sehr herzlich bei Karin Bündgens für die Organisation und für die Beiträge bei Heike Bunzen, Brigitte Drews, Nana Fahl, Anne Hansen, Lydia und D. Heil, Ulla Klosa, Jutta Kürtz, Maren Nielsen, Gisbert Osmy, Marianne Recknagel, Frau Schünemann, Romy Steinriede, Mücke Voss, Ute Zopf.

 

20 Jahre Freundeskreis

Am 3. Juni 2018 feierten wir mit einem ‚Frühstück im Frühling‘ unser Jubiläum, das sich an diesem Tage jährte.  Dieses wunderbare zeitliche Zusammentreffen erfuhren wir aus dem Brief eines der Gründungsmitglieder, Frau Bärbel Reetz, der von den drei Gestalterinnen des Festes: Frau Dr. Gisela Beissenhirtz, Nana Fahl und Mücke Voss verlesen wurde. Zudem gab es ein interessantes Podiumsgespräch von Frau Dr. Gisela Beissenhirtz mit Herrn Dr. Sandfuchs, aus dem wir einiges über die vergangenen 20 Jahre hörten.   An den Wänden hingen Fotos, Texte und Grafiken, die eindrucksvoll die Arbeit des Freundeskreises belegten – zusammengestellt von Brigitte Drews, Regina Gehrts, Gisbert Osmy und Ute Zopf. Das eigentliche Frühstück wurde unter der Regie von Karin Bündgens mit Hilfe von Nana Fahl, Heike Bunzen, Regina Gehrts, Illa Feldmann, Angelika Faust und Ilona Osmy vorbereitet und war köstlich. Den festlichen Rahmen bereitete uns ein Geiger, Herr Wanger, dessen Beitrag von den drei ehemaligen Vorstandsmitgliedern, Dr. Gisela Beissenhirtz, Nana Fahl und Mücke Voss gestiftet wurde. Nils Aulike verlas zum Schluss der Veranstaltung ein literarisches Rätsel, das zum Nachdenken und zum Schmunzeln (wenn man es denn gelöst hatte) anregte.

 

 

Preisträger 2018

Carmen Mahler – 1. Preis

„Stilblüten“

Klick. Klack. Klick. Klack.
Er seufzte.
Klick. Klack. Klick.
Er ließ er den Kugelschreiber mit rhythmischem Klickern über die Schreibtischplatte wandern. Die silberne Spitze bohrte sich in das weiche Holz, wo es einen hässlichen Abdruck hinterließ, um sich gleich darauf wieder in das abgegriffene Plastikgehäuse zurückzuziehen. Klick. Klack. Wie hypnotisiert beobachtete er dieses Spiel, wieder und wieder. Bald war sein ganzer Tisch schmutzig, lediglich ein blütenweißes Blatt Papier lag unberührt vor ihm. Er seufzte abermals. Er wollte doch schreiben, ja, musste es sogar. Doch er konnte nicht.
Ein letztes Klicken verhallte im Zimmer. Er ließ den Stift leidenschaftslos auf die Tischplatte fallen, schüttelte eine verkrampfte Hand und schaute sich um. Eigentlich hätte sein Schreibzimmer so wunderbar sein können: die Werke bedeutender Vorfahren reihten sich in deckenhohen Regalen aneinander, edelstes Papier stapelte sich in den Schubladen seines antiken Schreibtischs, eine Katze schlief friedlich in ihrem Körbchen und weißgetünchte Sprossenfenster gaben den Blick auf einen prächtigen Garten frei. Inmitten dieser Idylle fühlte er sich furchtbar fehl am Platz. Denn das Wesentliche im Dasein eines Schriftstellers fehlte ihm: die Inspiration. An manchen Tagen traf sie ihn wie der Blitz, beim Frühstück, unter der Dusche, im Schlaf. Dann eilte er meist in sein Schreibzimmer und tauchte für einige Stunden in die von ihm erschaffene Welt ein. Doch heute? Er lauerte förmlich darauf von der Welle übermannt zu werden, dem vertrauten, unbestimmten Gefühl, etwas in sich zu tragen, das nur darauf wartet, endlich in Worte gefasst zu werden. Doch so sehr er auch hoffte, es geschah nichts. Die Leere, die auf dem Blatt Papier vor ihm herrschte, schien die Kontrolle über sein Innenleben übernommen zu haben. Und was brachte ihm ein vollgestopftes Bücherregal, wenn keines der Werke von ihm stammte. Er stand auf, streckte sich und stellte sich ans Fenster. Es war ein warmer Frühlingstag und die ersten Blumen reckten ihre farbenfrohen Blüten gen Himmel und bemühten sich, einen Sonnenstrahl zu erhaschen. Die Wärme, die nach dem langen Winter nun endlich im Land Einzug hielt, hauchte der Natur neues Leben ein. Einhauchen, murmelte er. „Inspirare“, auf Lateinisch. Da wusste er, dass er – in diesen Raum eingesperrt – lange auf die Inspiration warten konnte. Wenn sie nicht zum ihm kam, musste er eben zu ihr.
Der frische Duft nach Frühling stieg ihm in die Nase, kaum, dass er einen Schritt in den Garten gesetzt hatte. Die ersten Blätter, noch vom Morgentau überzogen, schimmerten in sattem Grün. Er meinte förmlich zu spüren, wie eine imaginäre Last von seinen Schultern fiel. Langsam setzte er sich in einem Liegestuhl und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Das Vogelgezwitscher um ihn herum, der beinahe kitschige Frieden, war wie Balsam für seine Seele. Es konnte nicht mehr lange dauern, dessen war er sich sicher. „Schreibst du heute denn gar nicht?“, sagte da eine Stimme neben ihm. Er öffnete erst ein, dann beide Augen, neigte den Kopf etwas nach unten und schaute geradewegs in ein ihm vertrautes Gesicht. Eine Blume reckte ihm ihren Kopf entgegen und wiederholte ihre Frage: „Musst du denn heute gar nicht schreiben?“ Es wunderte ihn nicht im Geringsten, dass eine Blume zu ihm sprach. Ganz im Gegenteil: es hätte ihn viel mehr erstaunt, wären diese wunderschönen, grazilen Geschöpfe, die sich Jahr für Jahr aus der kalten Erde an die Oberfläche kämpften, nicht in der Lage, sich auszudrücken. Die Natur kreiert nicht einfach etwas Schönes, das nutzlos ist.
„Da bist du ja“, sagte er zu dem Stiefmütterchen. „Ich hatte fast mit dir gerechnet“. Die Blume schüttelte ihr Köpfchen. „Mal wieder keine Inspiration?“, fragte sie dann. Er nickte nur. Das Stiefmütterchen runzelte ihre Blüten. „Was dir fehlt, sind die Fertigkeiten eines wahren Schriftstellers. Aber hab‘ keine Sorge, ich werde dir helfen“, sagte sie nach einer kleinen Pause. „Ich bin vielleicht nur eine langweilige Friedhofsblume, aber eines möchte ich dir mit auf den Weg geben: Gedenke deiner Wurzeln! Denn nur, wer sich seiner Vergangenheit besinnt, kann auch in der Zukunft Großes leisten!“. Er staunte nicht schlecht, als er solch weise Worte von einer Blume hörte, doch dann rief er sich in Erinnerung, dass es immer noch der Garten eines Schriftstellers – oder zumindest eines Mannes, der es gerne wäre – war, in der sie gedieh. Der Boden schien jedenfalls eine Prise künstlerischen Düngers zu enthalten.
Eine weitere Stimme erhob sich, und auch damit hatte er gerechnet. „Ich würde gerne einen Ratschlag hinzufügen“, rief die Hortensie und der Strauch raschelte. „Durchhaltevermögen ist das Zauberwort! Nimm dir ein Beispiel an mir!“ Er wusste, was die Pflanze ihm sagen wollte. Die Hortensie war ihm zwar nicht sonderlich sympathisch, doch eines musste man ihr lassen: während die meisten Blumen ihre Blüten nach wenigen Wochen verloren, so blühte die Hortensie noch im Hochsommer und erfüllte seinen Garten mit Farbe.
Plötzlich schepperte es auf der Terrasse. Der Topf mit dem Kaktus, den er erst vor kurzem erstanden hatte, bewegte sich. Dann räusperte sich eine heisere Stimme. „Ich kann mich der Hortensie nur anschließen: ein guter Schriftsteller sollte mit langen Durststrecken umgehen können!“ Die Hortensie klimperte geschmeichelt mit ihren Blättern. Er aber schaute den Kaktus verwundert an. War sein Ratschlag etwa ein versteckter Vorwurf gewesen? Er beschloss, bei elegenheit dessen Erde zu überprüfen und ihn gegebenenfalls öfter zu gießen.
Er streckte sich in seinem Liegestuhl und schaute dann vom Stiefmütterchen hinüber zur Hortensie und zum Kaktus. „Ich danke Euch für eure Hilfe, aber – mit Verlaub klingt das nicht alles etwas genügsam, nach einem guten Verlierer? Wo bleibt denn der Erfolg?“ Ein zustimmendes Gemurmel kam aus dem Boden: „Ganz richtig!“, rief dann das Schneeglöckchen. „Keine falsche Bescheidenheit: man sollte auch mal Erster werden!“, verkündete es mit seinem hellen Stimmchen. Er schmunzelte. Das zarte Pflänzchen war sein heimlicher Liebling im Garten. Die Winter konnten noch so finster und kalt sein: wenn das erste Schneeglöckchen seinen Weg aus der Erde gefunden hatte, wusste er, dass der Frühling nicht mehr fern sein konnte. Er lächelte dem Schneeglöckchen zu. Und da kam es plötzlich: dieses Kribbeln in seinen Händen.
Aufgeregt erhob er sich. „Es geht los!“, rief er glücklich, und wollte gerade ins Haus laufen, doch seine Pflanzen hielten ihn zurück. „Warte!“, rief das Stiefmütterchen. „Wir haben noch etwas für dich!“. Mit einem Mal verloren alle Blumen im Garten gleichzeitig eine ihrer bunten Blüten, sogar der Kaktus ließ einen winzigen Dorn auf den Boden fallen. Sie fügten sich zu einer duftenden Wolke zusammen und landeten in seinen Händen. „Nimm sie mit und denk an unsere Worte!“, sagte die Hortensie. Er nickte lächelnd, dann machte er sich mit seiner Sammlung an Stilblüten auf den Weg in sein Schreibzimmer.
Es war alles unverändert: der Kugelschreiber achtlos hingeworfen, das Blatt Papier unbeschrieben. Lediglich die Katze war aufgestanden und jagte im Garten Schmetterlinge. Er stellte sich in die Mitte des Raumes und drehte sich, erst langsam, dann immer schneller und schneller. Als ihm schwindelig wurde, blieb er stehen und warf er die Blüten beherzt in die Luft. Außer Atem schaute er ihnen zu, wie sie langsam herunterschwebten und auf dem Boden einen winzigen Blütenteppich bildeten.
Er ging zu seinem Schreibtisch und hatte sich kaum hingesetzt, als sie plötzlich wie eine Lawine über ihn hereinbrach: die Inspiration. Sie wollte sich endlich ihren Weg nach draußen bahnen, sich in Form von blauer Tinte an das Blatt Papier schmiegen. Er nahm den Kugelschreiber in die Hand. Klick.
Und begann zu schreiben.